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Schnee im Münsterland

Angemerkt: Wenn Nörgler posten und Nachbarn schippen

Not schweißt zusammen, sagt man. Not macht auch erfinderisch. Aber bisweilen ist sich so mancher in der Not auch lieber selbst der Nächste. Wie jetzt: Wenn binnen Tagesfrist fast hüfthoch Schnee fällt auf eine Region, deren Grundschüler ihr Lebtag noch nie mehr als drei Zentimeter erlebt haben, kann man zumindest von einer „Ausnahmesituation“ sprechen, bisweilen gar von kleiner Not. Und schon zeigt sich der wahre Mensch.

Gunnar A. Pier

Und der Nachbar schiebt den Schnee: Der Wintereinbruch hat viel Solidarität provoziert. Foto: Gunnar A. Pier

Den beeindruckenden Wintereinbruch haben ­viele zunächst einmal mit freundlicher Gelassenheit aufgenommen. Kaum jemand musste am Sonntag arbeiten, tolle Freizeit­aktivitäten sind in Corona-Zeiten eh nicht mehr geplant – da machten sich die meisten gar nicht erst die Mühe, das Auto auszugraben. Ein Spaziergang durch die ungewohnte Winterwunderwelt war angesagt. Vermummte Menschen mit dicker Kapuze und Nase wärmender FFP2-Maske grüßten sich im Baugebiet, während die Kinder johlend mit dem Schlitten durch Vorgärten und über Spielplatz-Hügel tobten.

Der Schnee hat auch zu viel Solidarität geführt. Anwohner haben die Haustüren jener Nachbarn freigeschaufelt, die nicht mehr so gut zu Fuß sind. Landwirte, Gartenbauer und andere Besitzer von gröberem Schaufelgerät haben ganze Wohngebiete freigeschoben und Autos rausgeschleppt von Menschen, die dachten, mit etwas Schwung kämen sie schon durch die Schneewehe am Ende der Einfahrt. Helfen mit dem, was man kann – für viele Ehrensache. Das weckte Erinnerungen etwa an den Starkregen vor sechseinhalb Jahren, der dafür sorgte, dass selbst bis dato unbekannte Nachbarn gemeinsam Wasser schippten, weil Teile des Münsterlands geflutet waren.

Es gibt auch Streit

Auf der anderen Seite aber zeigten sich in dieser Woche auch jene Zeitgenossen, die so richtig nicht Herr der neuen Lage sind. Der Streit über Schneemassen, die einfach vor Nachbars Auto geschoben wurden, dürfte hier und dort länger überleben als der Schnee selbst.

Nörgler in den (un-)sozialen Netzwerken

Und über die Nörgler in den (un-)sozialen Netzwerken wundert sich eh schon kaum noch jemand. Manche zollen dort den Einsatzkräften Respekt, die nahezu rund um die Uhr Straßen räumen, Altenheim-Zufahrten und Rettungswege passierbar machen. Andere wettern, dass in ihrer Stichstraße noch Schnee liegt. Manchmal ist es eben einfacher, in der Werbepause der „Trucker Babes“ von der Couch aus Worte wie „Totalversagen“ zu posten, als kühlen Kopf zu bewahren – oder gar selbst mit der Schippe in die Kälte zu gehen.

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