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Kommentar: Aufarbeitung der Kolonialzeit in Europa

Spät und holprig

Die Entschuldigungen und Wiedergutmachungen kommen holprig und spät – dabei gehören Sklaverei und koloniale Verbrechen zu den düstersten Kapiteln. Deshalb hat man in Europa lange davor zurückgeschreckt, sich auf großer Bühne damit auseinanderzusetzen.

Benin-Bronzen werden aus dem A340 der Flugbereitschaft entladen am Flughafen von Abuja, Foto: Imago Foto: IMAGO/Florian Gaertner

Die Entschuldigungen und Wiedergutmachungen kommen holprig und spät – dabei gehören Sklaverei und koloniale Verbrechen zu den düstersten Kapiteln. Deshalb hat man in Europa lange davor zurückgeschreckt, sich auf großer Bühne damit auseinanderzusetzen.

Für die betroffenen Nachfahren von Sklaven ist das Thema aber keineswegs ad acta gelegt. Denn die eigene schmerzhafte Geschichte paart sich mit Alltagsrassismus und dem Erbe von kolonialem Habitus: Es ist eine offene Wunde, die nicht vernarbt, solange einstige Täternationen sich weigern, eine Heilung anzustoßen. Lange galt aber: Es wird immer wieder neu verletzt.

In der imperialen Logik glaubten Kolonialstaaten und ihre Helfer das Recht zu haben, Menschen zu verkaufen, auszubeuten, und sich wichtige Kulturgüter anzueignen. Damit hat man in vielen Ländern Afrikas Teile des kulturellen Gedächtnisses und der positiven Selbstidentifikation gelöscht, um das Bedürfnis nach Zurschaustellung von Exotismen zu befriedigen. Die fragwürdige Botschaft ist auch: Die Herkunftsländer selbst sind gar nicht fähig, sich angemessen mit ihrem eigenen Erbe zu beschäftigen. Diese Form des patriarchalen Überbaus ist unerträglich.

Es ist deshalb überfällig, dass sich der niederländische Regierungschef für den Sklavenhandel in Kolonien offiziell entschuldigt und dass die deutsche Regierung Kulturgegenstände wie die Benin-Bronzen an Nigeria zurückgibt. Warum dauerte es so lange, um dies zur Chefsache zu machen?

In Deutschland dürfte man angesichts noch größerer historischer Baustellen das Thema Kolonialismus unterschätzt haben. Dort sucht man aber gerade händeringend neue Handelspartner rund um die Welt und arbeitet an Begegnungen auf Augenhöhe. In den Niederlanden hat sich Mark Rutte lange gegen eine offizielle Entschuldigung gesperrt, doch inzwischen geht es ihm wohl auch um seinen Platz in den Geschichtsbüchern. Klar ist: Eine offene Aufarbeitung rührt schmerzhaft am Selbstverständnis von europäischen Nationen, die sich heute ja gerade als Horte von Freiheit und Toleranz sehen.

Den Finger in die Wunde legen leider oft erst die Nachfahren der Betroffenen, die selbst mehrere Generationen benötigt haben, um mit Selbstbewusstsein ihre Anliegen einfordern zu können. Wichtig ist, sie in die Aufarbeitung mit einzubinden. Die Zeiten, wo Politiker für sie anstatt mit ihnen über ihre Anliegen sprechen, müssen vorbei sein.

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