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Kommentar: Bidens digitale Premiere in München

Comeback der Diplomatie

Zurück auf der Weltbühne, zurück im Herzen des Westens! Es ist ein starkes Zeichen, dass Joe Biden nur wenige Wochen nach seiner Amtseinführung auf der Münchner Sicherheitskonferenz spricht – auch wenn es für den Moment nur ein kleines Digitalformat gab.

Claudia Kramer-Santel

Joe Biden, Präsident der USA, spricht aus dem East Room im Weißen Haus, während er an der virtuellen Münchner Sicherheitskonferenz teilnimmt. dpa Foto: Patrick Semansky

Zurück auf der Weltbühne, zurück im Herzen des Westens! Es ist ein starkes Zeichen, dass Joe Biden nur wenige Wochen nach seiner Amtseinführung auf der Münchner Sicherheitskonferenz spricht – auch wenn es für den Moment nur ein kleines Digitalformat gab. Er ist der erste US-Präsident, der sich auf dem wohl wichtigsten Forum für Sicherheitspolitik die Ehre gibt. Biden signalisiert mit dieser Premiere, dass seine Amtszeit einen Wendepunkt markiert: Er macht das Comeback der Diplomatie zur Chefsache und wird zur Projektionsfläche für eine neue weltweite Phase der Hoffnung.

Das Schlüsselwort lautet Kooperation – die Methode dazu ist der Multilateralismus. „Amerika ist zurück“, war Bidens Leitmotiv. Dass er es nicht nur bei Worten belässt hat er Freitag gleich zweifach gezeigt. Beim G7-Gipfel sagte er bis zu vier Milliarden Dollar für die globale Impfkampagne zu, dem Megathema der Stunde. Und beim Thema Klima gab es die offizielle Rückkehr zum Pariser Klimaabkommen. Biden will aber nicht nur Trumps Beschlüsse zurückdrehen. Er macht den Klimawandel zur Priorität für die künftige nationale Sicherheit.

Weiteres positives Signal: Experten beobachten, wie Biden nach und nach altgediente Experten in das unter Trump ausgeblutete Außenministerium bringt, um an die Professionalität anzuknüpfen, die man von einer Weltmacht erwartet. Diplomatie funktioniert eben nicht nur im Rahmen absolutistisch anmutender Vier-Augen-Treffen auf höchster Ebene à la Trump. Man braucht gerade im komplexen Dschungel er multipolaren Welt Fachwissen, Vertrauen und Kontinuität – und einen entsprechend professionellen Apparat.

So wohltuend der Freitag sich für Europäer anfühlt, denen ein guter Draht zu den USA am Herzen liegt: Sie können sich nicht beruhigt zurücklehnen. Trump sitzt Biden im Nacken. Deshalb muss sich der neue US-Präsident vordringlich um innenpolitische Erfolge kümmern. Eigeninitiative der Europäer ist gefragt. Darüber hinaus steht Biden für vieles, wofür sich auch Trump einsetzt: Der Demokrat vertritt zuallererst US-Interessen, wird den Partnern mehr abverlangen – und das möglicht rasch. Und auch Biden sieht seine eigentliche „Challenge“, seine Herausforderung, in den Beziehungen zu Asien und nicht in Europa.

Gerade für einen starken Umgang mit China ist es wichtig, dass der Westen geeint handelt. Ein Anfang ist gemacht. „Let’s get back to work“ sagen Amerikaner in solchen Situationen. Zurück an die Arbeit!

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