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Chrupalla kommt ins Schleudern

Die AfD und die Dichtkunst – ein klassisches Eigentor

Klassisches Eigentor: Mit einem Vorstoß zu mehr deutscher Dichtkunst an deutschen Schulen hat sich der AfD-Covorsitzende Tino Chrupalla in einem Interview selbst ein Beinchen gestellt. Denn die Nachfrage des Kinderreporters stellte ihn bloß. Eine Analyse.

Von Dorle Neumann

Tino Chrupalla Foto: imago/J.Heinrich

Das war ein klassisches Eigentor, das der AfD-Covorsitzende Tino Chrupalla da in einem Interview geschossen hat. Er hätte gern, dass in den Schulen hierzulande mehr deutsches Kulturgut vermittelt wird, erklärte er der ZDF-Kindersendung „logo“. Auf die prompte Frage des Kinderreporters Alexander nach seinem Lieblingsgedicht kommt er ins Schleudern. Der 46-Jährige: „Mein Lieblingsgedicht, ist, ehm, da muss ich, da müsste ich jetzt erst mal überlegen, fällt mir jetzt gar keins ein.“ Auf die Nachfrage von „logo!“-Reporter Alexander, ob der AfD-Politiker denn vielleicht einen Lieblingsdichter habe, antwortete Chrupalla dann „Heinrich Heine“.

Ausgerechnet Heinrich Heine. Da fehlt dem so national gesinnten Herrn Chrupalla wohl etwas Hintergrund zu dem Lyriker. Vielleicht kennt er von ihm nur die „Loreley“? Obwohl: Im Grunde geht es darin um Eitelkeit, Verführbarkeit, falsche Eindrücke und den daraus resultierenden Untergang. Gefährliches Terrain für Politiker.

Zweifellos war das satirische Epos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ einmal das am häufigsten im Deutschunterricht gelesene Werk Heines. Herrn Chrupalla sei es zur Lektüre dringend empfohlen. Heine war alles andere als ein Deutschland-Begeisterter, spottete vielmehr gern über sein Heimatland. 1831 emigrierte er aus Ärger über die politischen Verhältnissen und die Zensur hierzulande nach Frankreich. Im November 1843 kam er für einige Wochen zurück – ein Besuch bei seinem Verleger und seiner Mutter standen auf dem Programm. Bereits an der Grenze nervten ihn die Engstirnigkeit und Feindseligkeit der preußischen Beamten. Auf welcher Seite Herr Chrupalla in dem Konflikt wohl gestanden hätte?

Auch auf der Reise von Aachen bis Hamburg begegneten ihm Nationalismus, Fremdenhass und die nach Heines Bekunden überzogene Frömmigkeit der Katholiken. Im Kyffhäuser-Gebirge erzählte er dem toten Kaiser Barbarossa von seiner Hoffnung auf ein tolerantes Deutschland. Der beschimpfte ihn prompt als Hochverräter. Eine erstaunliche Wahl des AfD-Covorsitzenden für seinen Lieblingsdichter ...

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