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Anschlag vom Breitscheidplatz

Die offenen Wunden

Es ist gut, dass der Bundespräsident zur Gedenkfeier nach fünf Jahren zum Breitscheidplatz kam und offensiv einforderte, dass der Staat bei neuen Erkenntnissen weiter ermitteln müsse. „Nur so kann das Vertrauen der Menschen in ihren Staat wieder wachsen“, sagte Frank-Walter Steinmeier. Neue Lippenbekenntnisse wären ein Schlag ins Gesicht für die Opferangehörigen.

Von Claudia Kramer-Santel

Ein Mann fotografiert bei der Gedenkfeier das Mahnmal "Goldener Riss". Foto: dpa Foto: Christoph Soeder

Staatstragende Worte gibt es fünf Jahre nach dem Anschlag vom Breitscheidplatz viele. Vom wehrhaften Staat ist die Rede. Doch am Ende bleiben viel offene Fragen, uneingelöste Versprechen und die Präsenz eines Platzes in Berlin, bei dem auch ein Mahnmal mit den jetzt 13 Namen der Opfer und ein goldener Riss im Boden inmitten des trotzig-bunten Trubels des City-Weihnachtsmarktes die offenen Wunden nicht heilen können. Vielleicht wäre die Erwartung auch zu groß, vielleicht ist es für eine Heilung ohnehin zu früh.

Denn es bleibt im Moment auf allen Ebenen ein schlechtes Gefühl der Bitterkeit und des Versagens. Das vollmundige Versprechen Angela Merkels nach einer vollständigen Aufklärung wurde nicht eingehalten. Nach Hunderten Seiten Papier, die parlamentarische U-Ausschüsse produzierten, bleibt am Ende die Haupterkenntnis: Viele Fehler auf vielen Ebenen machten das Attentat des abgelehnten tunesischen Asylbewerbers Anis Amri erst möglich. Er hätte vor der Tat längst abgeschoben werden können, räumte kürzlich Hendrik Wüst ein. Auch das Land NRW habe viele Fehler gemacht. Zwei Menschen aus diesem Bundesland starben in Berlin.

Doch was sind die Konsequenzen? Ist die Sicherheitsarchitektur wirklich effizienter und schlagkräftiger geworden? Sie bleibt eine Dauerbaustelle, die enge Kooperation der Behörden ein drängendes Anliegen.

Wahr ist auch: Wieder einmal ist es versäumt worden, den Opfern und ihren Angehörigen genügend Tribut zu zollen. Ein würdiger, sensibler und empathischer Umgang mit ihnen fehlte. Warum so wenig Anteilnahme?

Bis heute kämpfen sie um eine angemessene Opferentschädigung. Der Weiße Ring beklagt, dass viele Traumata zunächst gar nicht erkannt wurden. Im Umgang mit den Opfern hätten Behörden viele Fehler gemacht.

Es ist gut, dass der Bundespräsident zur Gedenkfeier nach fünf Jahren an den Ort der Tat kam und offensiv einforderte, dass der Staat bei neuen Erkenntnissen weiter ermitteln müsse. „Nur so kann das Vertrauen der Menschen in ihren Staat wieder wachsen“, sagte Frank-Walter Steinmeier. Diese Ziel muss endlich ernstgenommen und umgesetzt werden. Neue Lippenbekenntnisse wären ein Schlag ins Gesicht für die Opferangehörigen vom Breitscheidplatz.

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