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Kommentar

Die türkische Militäroperation in Libyen ist ein Ritt auf der Rasierklinge

Jetzt also Libyen. Es spricht Bände, wenn die Tür­kei unter ihrem autokratischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan Truppen nach Libyen entsendet und dies damit begründet, dass angeblich türkische Interessen in Nordafrika auf dem Spiel stünden.

Elmar Ries

Kemal Kilicdaroglu (3.v.r), Vorsitzender der Oppositionspartei CHP, trifft im Parlament für eine Abstimmung über eine Militärintervention in Libyen ein. Foto: Burhan Ozbilici/AP/dpa

Der Bosporus-Staat, ein Schwellenland mit wirtschaftlichen Pro­blemen, möchte mit den Großen mitspielen: Und läuft Gefahr, sich dabei übel zu verzocken.

Ein Jahr lang kann Erdogan nun vom Parlament befugt Soldaten und Waffen nach Libyen schicken, offiziell um die Regierung Sarradsch zu stützen, de facto um den Festlandsockel der Türkei im Mittelmeer zu erweitern, in dem große Erdgasvorkommen vermutet werden. Die hat Erdogan im Blick.

Sarradsch aber steht vor dem Fall, weil er einem mächtigen Gegner gegenübersteht: dem von Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und vor allem Russland unterstützten Rebellengeneral Haftar. Dass Putin diesem türkischen Husarenritt tatenlos zusehen wird, ist mehr als unwahrscheinlich.

Das macht die Dimensionen des Konfliktes deutlich. Und die Gefahr, die Erdogan heraufbeschwört. In Nordsyrien glaubte der türkische Machthaber noch die Russen an seiner Seite, dank deren Unterstützung er einen kurdischen Streifen und die Rebellenhochburg Idlib kontrollieren durfte. Jetzt schwelgt er offenbar im neo-osmanischen Größenwahn und legt sich in Nordafrika mit seinem einstigen Verbündeten offen an. Un­terstüt­zung bei seinem Ritt auf der Rasierklinge erhält Erdogan von keinem Mittelmeeranrainer.

Die so hilf- wie machtlose arabische Welt murrt – und tut weiter nichts. Trump warnte Erdogan zwar, eine ausländische Einmischung verkompliziere die Lage in Libyen – das aber ist nicht mehr als eine Worthülse: Der US-Präsident spielt gerade im Iran selbst mit dem Feuer. Und die EU? Reagiert wie immer – mit „großer Sorge“, sprich Phrasen und ansonsten wie ein zahnloser Tiger.

Jetzt rächt es sich, dass Europa sich zuvörderst mit sich selbst beschäftigt und keinen Mumm hat, international das Heft des Handels in die Hand zu nehmen. Auch in Libyen hat die EU die Entwicklung leider viel zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Die Folge: Europa spielt in Libyen – und damit vor der eigenen Haustür – keine Rolle mehr.

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