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Kommentar: Doppelpass-Debatte um Südtirol

Die Welt von gestern

Neue Töne aus Wien? Nein, der Vorstoß der vereidigten rechtskonservativen Regierung von cund FPÖ in der Frage einer doppelten Staatsbürgerschaft für Deutsch Sprechende Südtiroler kommt nicht überraschend. Diese nationalen Töne hatte vor allem die FPÖ schon im Wahlkampf angeschlagen – auch und gerade in dem Willen, die in Österreich durchaus vertretene Sehnsucht nach nationaler Größe für sich zu nutzen.

Frank Polke

Der österreichische Nationalrat, mit der neuen Bundesregierung, tagt am 20.12.2017 im Rahmen einer Sondersitzung im Parlamentsausweichquartier in der Hofburg in Wien (Österreich) Foto: Roland Schlager (dpa)

Im Jahr 2017 – also 99 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und des Zusammenbruchs des Habsburgerreiches (wozu ja Italien bzw. Südtirol gehörte) – debattiert unser südlicher Nachbar ernsthaft über die Frage, ob und in welchem Umfang Südtiroler nicht mehr nur Italiener sein sollen, sondern eben auch Österreicher. Ein Ausflug in die – schon vom Salzburger Stefan Zweig für versunken erklärte – Welt von gestern.

Südtirol verfügt heute über einen ungeheuren Wohlstand, über eine ausgebaute Infrastruktur und über eine Wirtschaftskraft, von der die Menschen im Burgenland, in Tirol und im – vom einstiegen FPÖ-Held Jörg Haider ruinierten – Kärnten nur träumen können. Dies ist der Tatkraft der Südtiroler geschuldet – und den Milliarden aus Brüssel (und damit auch deutschem Steuergeld). Südtirol ist europaweit das beste Beispiel dafür, wie ein Europa der Regionen funktionieren kann – auch dann, wenn der Nationalstaat (also Italien) schwächelt.

Die EU steht für ein Überwinden alter Schlagbäume, für Daten- und Wissenstransfer und Handel über Grenzen hinweg – gerade zwischen Bozen und Klagenfurt, Triest und Maribor. Eine Doppelpass-Debatte weckt alte Ungeister nicht nur in dieser Region.

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