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Kommentar zur Telemedizin in Deutschland

Digitales Neuland

Gerade in ländlichen Räumen ist die Te­lemedizin ein Segen. Die Städte dort sind oftmals klein, so wie die Krankenhäuser – sofern noch vorhanden. Und auch der Hausarzt ist inzwischen vielerorts Mangelware.

Elmar Ries

Prof. Dr. Björn Ellger, Leiter der operativen Intensivmedizin, Prof. Dr. Alexander Zarbock, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, und Dr. Christian Juhra, Leiter der Stabstelle Telemedizin freuen sich, Teil des Projekts „TELnet@NRW“ zu sein. Foto: UKM

Die Vorteile des gestern als Modell ausgerufenen telemedizinischen Netzwerks im Münsterland liegen auf der Hand. Es versetzt auch das kleinste Stadtkrankenhaus an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr in die Lage, über das versammelte Expertenwissen ei­nes Universitätsklinikums zu verfügen. Mehr medizinische Qualität geht nicht.

Doch das Projekt ist allenfalls ein Anfang. Deutschland gilt in Sachen Telemedizin als Entwicklungsland. Andere Länder mit dünn be­siedelten ­Regionen wie Norwegen etwa oder Schweden sind deutlich weiter. Dort ­werden schon seit Jahren medizinische Behand­lungen aus der Ferne koordiniert – weil es anders oft gar nicht geht.

In der Schweiz oder Großbritannien können Patienten ihre Ärzte zumindest per Telefon oder Internet konsultieren. In Deutschland dürfen Mediziner noch nicht einmal das. Laut Musterberufs­ordnung ist es ihnen un­ter­ sagt, Patienten ausschließlich über elektronische Medien zu behandeln.

Natürlich ist der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt wichtig. Er schließt die Integration moderner Kommunikationsmittel aber nicht aus.

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Also: Warum keine ­Online-Sprechstunde als Ergänzung zur konventionellen Konsultation anbieten? Weshalb chronisch Kranke nicht auch digital medizinisch Überwachen?

Bundesgesundheits­minister Hermann Gröhe (CDU) hat die Vorteile der Telemedizin erkannt und will sie künftig verstärkt nutzen – erklärtermaßen, um die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum zu verbessern.

Nach jahrelanger Debatte ist die elektronische Gesundheitskarte mit integrierter Patientenakte immer noch nicht ein­geführt, und im Abrechnungskatalog der Krankenkassen fehlt fürs digitale Therapieren nach wie die Gebührenziffer. Das ist lästig, ärgerlich, überfällig. Damit lässt sich die Einführung der Telemedizin verzögern – verhindern lässt sie sich dadurch nicht.

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