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Willy Brandts Kniefall in Warschau vor 50 Jahren

Ein Bild als Botschaft

Es war ein Bild, das um die Welt ging: der Bundeskanzler kniet vor dem Denkmal der Helden des jüdischen Ghettos in Warschau. Am 7. Dezember 1970 hatte Willy Brandt dort einen Kranz niedergelegt und war wortlos auf die Knie gefallen. Ein Symbol, das auch den Neuanfang in der Ostpolitik der Bundesrepublik unter Brandt zusammenfasst, kommentiert unser Redaktionsmitglied Martin Ellerich.

Martin Ellerich

Ein Bild, das um die Welt ging: Bundeskanzler Willy Brandt kniet vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto, das den Helden des Ghetto-Aufstandes vom April 1943 gewidmet ist. Foto: dpa

Es gibt Verbrechen, die sind so unbeschreiblich, dass Sprache sie nicht fassen kann. Wie könnte man angemessene Worte finden für das Leben und das Leiden von sechs Millionen Menschen, die mit geradezu industrieller Effizienz ermordet wurden? Wo Worte versagen, sprechen Gesten: 25 Jahre nach dem Ende des Krieges, ein Vierteljahrhundert nach dem Holocaust, beugt ein deutscher Bundeskanzler die Knie vor den Opfern. Eine schweigende, aber unüberhörbare Bitte um Vergebung.

Ob Brandts Kniefall nun, wie der SPD-Kanzler stets beteuert hat, eine spontane Reaktion war oder nicht – er bleibt ein großartiges politisches Symbol. Er ist, spontan oder geplant, ein Meisterstück politischer Kommunikation. Ein Si­gnal des Neuanfangs. Seht her: Die Bundesrepublik ist nicht mehr das blutige Deutschland der Nazis. Der neue, demokratische Staat bekennt sich zur politischen Verantwortung für die Untaten NS-Deutschlands. Der Bundeskanzler, der als einstiger Exilant persönlich keine Schuld trägt, bittet im Namen der Deutschen um Vergebung für die Verbrechen, die von Deutschen und im deutschen Namen begangen worden sind. Kann es ein stärkeres Signal für das Bemühen um einen ehrlichen politischen Neuanfang mit den geschundenen Nachbarn geben? Der Kniefall stellt Brandts neue Ostpolitik – Annäherung unter Anerkennung der Realitäten inklusive der Grenzen – in einem einzigen Bild dar.

Dieses Bild ist verstanden worden – auch in Tel Aviv, Moskau, Prag, Paris, Oslo oder Den Haag. Es half, Vertrauen zu schaffen in dieses zivile, demonstrativ friedliche Deutschland.

Dieses Bild ist aber auch in Münster, Düsseldorf oder Friedland begriffen worden – inklusive seiner Bedeutung auch mit Blick auf die „deutschen Ostgebiete unter polnischer Verwaltung“, wie es damals in den Schul-Atlanten stand. Das belegt nicht zuletzt die lautstarke Kritik, die Brandt daheim erntete. Nach einer „Spiegel“-Umfrage hielt fast die Hälfte der Bundesbürger (48 Prozent) damals die Geste für überzogen. Ende der 1960er Jahre begann die Nachkriegsgeneration gerade erst zu fragen: „Was hast du damals gemacht?“

Polnische Normalbürger bekamen das Bild wegen der staatlichen Zensur damals kaum zu sehen – leider. Heute regieren Nationalkonservative in Warschau, die gerne einmal die Geschichte politisch instrumentalisieren. Ob die antideutsche Karte im Spiel dieser Populisten noch immer so gut stechen würde, wenn Brandts große Geste damals die einfachen Menschen in Polen wirklich erreicht hätte?

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