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In eigener Sache

Eine Gratwanderung: Sollte man Bilder von Toten zeigen?

Das Grauen von Butscha ist auf vielen Fotos dokumentiert. Die Medien müssen aber sorgsam abwägen, was sie davon veröffentlichen.

Von Harald Suerland

Eine Frau geht in Butscha an einem zerstörten Militärfahrzeug der russischen Armee vorbei. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa

Als die Terrormiliz „Islamischer Staat“ vor einigen Jahren Videos publizierte, auf denen sie die Enthauptung westlicher Geiseln zeigte, waren sich die seriösen Medien einig: Das transportieren wir nicht. Ausschlaggebend für diese Entscheidung waren weniger die möglichen Zweifel an der Echtheit der Filme, sondern zwei ethische Überlegungen: Auf keinen Fall wollten die Journalisten sich und ihre Kunden zu Teilhabern an der Entwürdigung der Opfer machen – denn die und ihre Angehörigen haben auch über den Tod hinaus eine Würde, die es zu wahren gilt.

Selbst einen hingerichteten Tyrannen wie Saddam Hussein zeigte man deshalb nur so dezent, wie es die Übermittlung der Nachricht nötig machte. Und die zweite Überlegung: Die emotionalisierende Wirkung schockierender Bilder kann nicht nur zu Entsetzen und Verstörung beim Betrachter führen, was man als Medium verantworten muss; sie ist auch geeignet, gefühls­geleitetes Handeln auszu­lösen, das womöglich kluge Reaktionen verhindert.

Voyeurismus keine Nahrung geben

Womit man bei den Bildern aus Butscha ist. Groß auf der Titelseite der Zeitung, als Kamerafahrt im Fernsehen, als Fotostrecke im Internet: All das ist möglich und wurde in den vergangenen Tagen mal mehr, mal weniger drastisch umgesetzt. Die Argumente derjenigen, die ihren Lesern und Betrachtern den Krieg möglichst direkt vor Augen führen, sind nicht von der Hand zu weisen: Es sei eine Pflicht, die brutale Dimension zu zeigen, heißt es etwa bei der Deutschen Presseagentur. Und die alte Erkenntnis, dass Taten, die nicht umfangreich in Wort und Bild dokumentiert werden, nicht „in der Welt“ sind, bewahrheitet sich gerade jetzt im Rückblick auf Putins frühere Kriege: Wäre die Öffentlichkeit nicht ­wacher gewesen, hätten die Medien sie drastischer informiert?

Auf der anderen Seite hat sich etwa unsere Zeitung darum bemüht, jenes Grauen, das sich schon durch sachliche Berichterstattung in den Köpfen der Menschen einstellt, nicht emotional zu verstärken. Etwa, um bloßem Voyeurismus keine Nahrung zu geben. Auch, um jenem Abstumpfungsprozess entgegenzuwirken, den viele an sich selbst beobachten: Der x-te noch so gut gemachte „Brennpunkt“ mag einen Überdruss auslösen, der das Gegenteil größter Gefühlserregung ist. Oder um nicht der Terrortaktik des Aggressors zu erliegen.

Gleichwohl bleibt die Auswahl dessen, was man der Öffentlichkeit präsentiert und zumutet, ein stets neu zu entscheidendes Unterfangen. Eine Gratwanderung, wie alle daran Beteiligten betonen.

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