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Internationaler Holocaust-Gedenktag

Erinnern – auch um der Zukunft willen

Vor 77 Jahren wurden die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau befreit. Das Erinnern an dieses Menschheitsverbrechen ist heute wichtiger denn je, meint unser Kommentator.

Von Martin Ellerich

Besucher stehen am frühen Morgen am Tor zum früheren Konzentrationslager Auschwitz I mit dem Schriftzug "Arbeit macht frei". Foto: Foto: Kay Nietfeld/dpa

Als die Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau eintrafen, befreiten sie 7500 Häftlinge. Sie fanden die Leichen derjenigen, die die SS erst kurz zuvor ermordet hatte. Sie sahen riesige Stapel – 110 000 Schuhe, 40 Kilogramm Brillen, zwei Tonnen Haar... Und sie fanden Asche – viel Asche.

Was im Lager geschah, davon erzählen die Akten nur in Stichworten. In den vergangenen fast acht Jahrzehnten waren es die Überlebenden, die als Zeitzeugen das Grauen der Shoah am eigenen Schicksal verständlich machen konnten. Mehr als sechs Millionen ermordete Menschen – das übersteigt die Vorstellungskraft, am Schicksal eines Einzelnen wird das Grauen greifbar.

Die Ära der Zeitzeugen neigt sich dem Ende zu. Aber die Erinnerung an das große Menschheitsverbrechen darf nicht mit ihnen sterben. Das sind wir nicht nur den damals Geschundenen und den Ermordeten schuldig, sondern auch unserer eigenen Gegenwart und Zukunft. Denn: Es geht auch darum, wie wir leben wollen. Es geht darum, zu erkennen, dass der Holocaust nicht erst mit den Gaskammern in Birkenau begann, sondern viel früher mit Hass und Hetze. Die systematische Ausgrenzung, die Entrechtung und das Morden kamen erst später.

Gegen das Vergessen

Wer aufmerksam in die sozialen Medien schaut, wer die Transparente bei Demonstrationen liest, der sieht, wie wichtig das Erinnern ist. So unangenehm und unausgegoren Corona-Maßnahmen sein mögen, wer behauptet, Ungeimpfte seien die „neuen Juden“, wer sich Judensterne mit der Aufschrift „ungeimpft“ anheftet oder sich in der Nachfolge von Anne Frank sieht, der verhöhnt und verspottet die Opfer der Shoah. Das gilt umso mehr, wenn in denselben Kreisen alte antisemitische Hasserzählungen im neuen Gewand verbreitet werden – wie die Mär von der „Weltverschwörung internationaler Finanzeliten“ oder des Kindsmordes.

Wer so handelt, der macht sich schuldig an den Überlebenden und am Andenken der Ermordeten. Ansonsten geht es – von den wenigen noch lebenden Tätern abgesehen – bei der Erinnerung längst nicht mehr um Schuld. Es geht um das Wissen darum, was geschehen ist – und dass Ähnliches irgendwann, irgendwo auf der Welt wieder geschehen wird – wenn wir es ver­gessen sollten.

"Licht zeigen"

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