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Die Entzauberung der Grünen

Geplatzte Träume

Der Traum ist aus. Das sang 1972 Rio Reiser, Vorreiter der linksalternativen Bewegung. Seine aufrüttelnde Hymne passt zu den Grünen Ende 2021. Doch die Stimmen-Zuwächse blieben weit unter den Erwartungen. Wie konnte das passieren?

Von Claudia Kramer-Santel

Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen und Kanzlerkandidatin kommt vor Robert Habeck, Co-Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, zur ersten Fraktionssitzung der SPD im neugewählten Bundestag. Foto: dpa Foto: Michael Kappeler

Der Traum ist aus. Das sang 1972 Rio Reiser, Vorreiter der linksalternativen Bewegung. Seine aufrüttelnde Hymne passt zu den Grünen Ende 2021. Das ist für sie bitter, weil das historische Momentum einer grünen Kanzlerschaft vor einigen Monaten da war. Alles schien zu passen: Die Partei war nicht mehr zerstritten. Man hatte den ganz großen Wurf vor Augen. Die Flutkatastrophe hat zudem noch einmal das Thema Klimaschutz ganz nach oben gespült. Dich die Stimmen-Zuwächse blieben weit unter den Erwartungen. Wie konnte das passieren?

Erstens: Das Problem begann in dem Moment, als Annalena Baerbock alleine dastand. Als Paar waren Robert Habeck und Annalena Baerbock cool und modern. Schwächen des einen wurden durch die Stärken des anderen ausgeglichen. Das wirkte unantastbar. Baerbocks Kanzlerkandidatur ließ das grüne Projekt plötzlich schwächeln. Künftig wird die Partei es sich genau überlegen, so vorzugehen – und vielleicht zur Doppelspitze zurückkehren.

Zweitens: Es gibt ein großes Potenzial für einen Wandel im Land – gerade bei jungen Menschen. Doch die Grünen haben es nur zum Teil abgeschöpft. Ihr Angebot wirkte für viele zu starr auf einen bestimmten Lebensstil abgestellt. Früher waren die Grünen ein Konglomerat unterschiedlicher Milieus, heute wirkt vieles wie eine gestylte Monokultur. Junge Menschen wollen zwar eine lebenswerte Zukunft, aber auch Freiheiten. Viele haben belehrende Untertöne satt. Dieses Lebensgefühl konnte die FDP in ihrer Kampagne gut darstellen – und wurde so ebenfalls zum Magneten für Erstwählerinnen und Erstwähler, die den Staat nicht mehr als allwissende Lösungsinstanz wünschen, weil sie ihn eher als Bremser sehen.

Drittens: Der „Markenkern“ von Annalena Baerbock konnte viel zu einfach demontiert werden. Sie wirkte wie eine Art Merkel 2.0, die das Land ebenso rasant schnell in Form bringen kann wie zuvor ihre Partei, die Grünen. Dieses Perfektionsimage konnte nicht funktionieren. Ihr aufgehübschter Lebenslauf und die Plagiate in ihrem Buch offenbarten viel strategische Naivität.

Ob es mit dem erfahrenen Robert Habeck besser gelaufen wäre? Fest steht: Er wird das Heft in die Hand nehmen. Königsmacher ist die neue Rolle. Vizekanzler? Auch nicht schlecht. Er wird Rio Reiser kennen. Der singt ja nicht nur „Der Traum ist aus“. Sondern auch, dass man alles dafür geben sollte, dass er Wirklichkeit wird.

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