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Merkels Abschiedsvisite im Weißen Haus

Lange Liebesgeschichte

Joe Biden sieht Merkels Abschiedsauftritt im Weißen Haus als Chance, die transatlantische Partnerschaft wieder aufblühen zu lassen. Der empathische 78-Jährige gibt Merkel viele große symbolische Momente. Das ist nach einer Krise – wie bei jeder großen Liebe – alles andere als überflüssig.

Von Claudia Kramer-Santel

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, l) lächelt während US-Präsident Joe Biden bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus spricht. Foto: dpa Foto: Susan Walsh

Jedem, der sich mit dem Verhältnis von Angela Merkel zu Amerika befasst hat, ist klar: Ihr wohl letzter Besuch als Kanzlerin in Washington ist Höhepunkt einer langen beidseitigen Liebesgeschichte. Seitdem Merkel 2005 zum ersten Mal ins Amt eingeschworen wurde, ist sie 20 Mal in die USA gereist. Sie hat vier US-Präsidenten getroffen. Und sie wird dort regelrecht verehrt. Die erste Frau und die erste in der DDR Aufgewachsene im Kanzleramt – allein ihre persönliche Geschichte fasziniert das Land, in dem Freiheit und persönlicher Aufstiegswille auch unter Widrigkeiten zum Gründungsmythos gehören. Sie durfte 2009 vor dem US-Kongress sprechen, Barack Obama verlieh ihr die höchste zivile Auszeichnung, die Freiheitsmedaille. Biden setzt mit seiner sehr persönlichen Einladung den feierlichen Schlusspunkt.

Und Angela Merkel gibt dem Land etwas zurück. Die für ihre Nüchternheit bekannte Physikerin wirkt in den USA wie ausgewechselt und redet voller Emotion. Ihre Faszination für demokratische Werte schimmert überall durch. Nur Donald Trump hat sie einen Korb erteilt. „Veränderungen zum Guten sind möglich, wenn wir sie gemeinsam angehen!“, sagte sie bei ihrer Ansprache Absolventen der renommierten Hochschule Harvard zu. „In Alleingängen wird das nicht gelingen.“ Ihre Rede war eine nur mühsam diplomatisch abgedämpfte Ohrfeige für den damals amtierenden US-Präsidenten. Das brachte ihr in Washington den Ruf ein, die letzte große Verfechterin der liberaler Demokratie im Westen zu sein.

Das rechnet ihr der Teil Amerikas hoch an, der sich um den Verfall der demokratischen Kultur in den vergangenen Jahren ernsthaft gesorgt hat. Deshalb die Ehrendoktorwürde der Johns-Hopkins-Universität. Die Wertschätzung in den USA hat Merkel geholfen, besonders wenn sie im eigenen Land in Bedrängnis geriet. Als sie 2019 an der Harvard Law School für ihren Einsatz in der Flüchtlingskrise ebenfalls mit einem Ehrendoktor ausgezeichnet wurde, war das für sie mit Sicherheit eine innere Genugtuung.

Im Moment hat sie tagesaktuelle Aufwertungen nicht mehr nötig. Es geht um ihren Platz in den Geschichtsbüchern. Biden sieht ihren Abschiedsauftritt im Weißen Haus als Chance, die transatlantische Partnerschaft wieder aufblühen zu lassen. Der empathische 78-Jährige gibt Merkel viele große symbolische Momente. Das ist nach einer Krise – wie bei jeder großen Liebe – alles andere als überflüssig. Beide Seiten brauchen sie.

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