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Geschichte trifft Gegenwart

Mutprobe Ukraine

Selten waren Feiertagsreden so nah an der Wirklichkeit und dem gelebten Leben wie an diesem 4. Juni 2014 in Warschau. Selbstverständlich nutzten Gastgeber Bronislaw Komorowski und US-Präsident Barack Obama die Gelegenheit, um an das Heldentum vergangener Tage zu erinnern. Sie taten dies zu Recht, denn vor 25 Jahren erkämpften die mutigen Polen Freiheit und Demokratie – für sich, aber auch für den Rest Europas. Das Fundament der Berliner Mauer haben die Polen gesprengt.

Ulrich Krökel

Aber bei der Feier in Warschau ging es nicht nur um die Geschichte, sondern viel mehr noch um Mut, Standhaftigkeit und Freiheitswillen in der Gegenwart. Der Ort der aktuellen Mutprobe ist die Ukraine. Was dort auf dem Spiel steht, haben die Polen sehr viel schneller und besser begriffen als viele Menschen im Westen Europas. Ihnen steckt ihre eigene Geschichte noch in Haut und Knochen. Die Polen haben die Erfahrung der Unterdrückung im Übermaß machen müssen – ähnlich wie die Ukrainer.

In Kiew sind die Menschen im Winter vor allem für ihre Würde auf die Straße gegangen. Sie haben gegen ein zutiefst korruptes Regime angekämpft, das die Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie jahrelang mit Füßen getreten hat. Dieselbe Verachtung für Menschenrechte und Freiheitswerte zeigt Wladimir Putins Russland. Die Annexion der Krim war ein Anschlag auf alles, was Europa ausmacht oder ausmachen sollte. Das ist es, was in der Ukraine auf dem Spiel steht.

Barack Obama hat das verstanden und in einer beeindruckenden, durchaus pathetischen, aber vor allem wahrhaftigen Rede ausgesprochen. Seine Warschauer Sätze sind simpel, aber wegweisend: „Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Für die Freiheit muss man ununterbrochen kämpfen und arbeiten.“

Es ist schwer zu sagen, ob diese Worte wichtiger sind oder die politischen Zeichen, die der US-Präsident bei seinem Besuch in Polen gesetzt hat. Eine Milliarde Dollar Militärhilfe will er in die Sicherheit im Osten Europas investieren. Ein Vielfaches dieser Summe werden die USA dem Vernehmen nach direkt in die Ukraine pumpen, um das Land zu stabilisieren. Es ist gut angelegtes Geld, denn es hilft einem Volk, dessen Würde und Existenz noch immer bedroht sind.

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