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Joe Biden vor den Vereinten Nationen

Schwieriger Neustart

Amerika ist zurück auf der diplomatischen Weltbühne! Das hatte Jo Biden bei seinem Amtsantritt vollmundig verkündet. Doch nur wenige Monate später sieht vieles von dieser Rückkehr anders aus, als man es sich vom „Anti-Trump“ Biden vorgestellt hatte. Seine Premiere bei den Vereinten Nationen steht unter dem Eindruck massiver Enttäuschungen.

Von Claudia Kramer-Santel

Joe Biden, Präsident der USA, spricht während der 76. Generaldebatte der UN-Vollversammlung im Hauptquartier der Vereinten Nationen. Foto: dpa Foto:

Amerika ist zurück auf der diplomatischen Weltbühne! Das hatte Jo Biden bei seinem Amtsantritt vollmundig verkündet. Doch nur wenige Monate später sieht vieles von dieser Rückkehr anders aus, als man es sich vom „Anti-Trump“ Biden vorgestellt hatte. Seine Premiere bei den Vereinten Nationen steht unter dem Eindruck massiver Enttäuschungen.

Warum liegt der US-Präsident so konstant falsch bei wichtigen außenpolitischen Angelegenheiten? Das fragt die renommierte US-Zeitschrift „The Atlantic“ und stellt gar sein strategisches Gespür infrage.

Fest steht: Er durchläuft nach dem Afghanistan-Desaster eine selbstverursachte Vertrauenskrise in der internationalen Wahrnehmung. Angetreten, mehr Empathie in die Politik zu bringen und der internationalen Gemeinschaft neues Gewicht zu geben, sprechen der Abzug aus Afghanistan und die Rückkehr der Taliban eine andere Sprache. Es gab massive Fehleinschätzungen auf US-Seite und zudem einen offenkundigen Vorrang von innenpolitischen Erwägungen.

Hinzu kommt ein neuer Sicherheitspakt im Indopazifik, mit dem die USA gerade viele Verbündete vor den Kopf stießen. Frankreich – als ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat wichtiger Player – ist zu Recht wütend, weil durch den Vorrang Australiens ein milliardenschwerer

U-Boot-Deal geplatzt ist.

Biden muss nun versuchen, mit allen Mitteln das Blatt zu wenden. Es dürfte kein Zufall sein, dass Washington kurz vor seinem großen Auftritt am East River verkündete, die rigorosen Corona-Einreisesperren für Bürger aus der EU und anderen Ländern zu lockern. Donald Trump hatte im März 2020 die Sperren verhängt. Sie zu stoppen, war überfällig.

Biden versucht nun, den „Reset-Knopf“ zu drücken: Nach dem Motto „Zurück auf Los“ legt er seine Rede vor den Vereinten Nationen als großen Weckruf für die internationale Diplomatie an – um sich von militärischen Interventionen seiner Vorgänger abzusetzen. Doch seine Charmeoffensive („Wir wollen keinen neuen Kalten Krieg“) dürfte nach seinem durchmischten Start Skepsis auslösen.

Jetzt müssen Taten folgen. Die Erwartungen vor dem internationalen Klimagipfel in Glasgow sind hoch. Dass Biden die US-Klimahilfen verdoppeln möchte, ist ein wichtiges Signal. Immer wieder hat er das Thema zur Priorität erklärt. Doch das ist nur ein Anfang: Die USA müssen dauerhaft zum internationalen Impulsgeber für Zukunftsfragen werden.

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