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35 Jahre nach Tschernobyl

Theoretische Risiken – reale Gefahren

Es war das schlimmste Unglück in der Geschichte der Kernenergie-Nutzung: Die westliche Welt erfuhr erst am 28. April 1986 von der Katastrophe im ukrainischen Tschernobyl als in Schweden erhöhte Radioaktivität gemessen wurde. Der Störfall hatte auch in der Bundesrepublik massive Auswirkungen auf den Alltag. Unser Kommentator Martin Ellerich sieht Parallelen zur Pandemie.

Martin Ellerich

Ein Mann misst die Radioaktivität bei Tschernobyl in der Ukraine. Am 26. April 1986 explodierte Block 4 des Atomkraftwerkes in der damaligen Sowjetrepublik. Foto: dpa -

Anfangs schien die Gefahr weit entfernt zu sein. Fremde Länder meldeten überraschend steigende Zahlen. Über Nacht wurde die Gefahr real, betraf das tägliche Leben in der Bundesrepublik: Spielplätze wurden gesperrt, der Aufenthalt draußen eingeschränkt und vor gesundheitlichen Gefahren gewarnt. Experten erklärten den verunsicherten Bürgerinnen und Bürgern die neuen, bislang unbekannten Risiken. Nein, hier geht es nicht um die Pandemie, hier geht es um den Atomunfall von Tschernobyl.

In diesen Tagen jährt sich die Katastrophe in dem damals noch sowjetischen Atomkraftwerk zum 35. Mal. Es gab Tausende Tote und Verletzte, Zehntausende Menschen wurden umgesiedelt, verstrahlte Landstriche um die Atomruine gesperrt. Die Menschheit hat noch Jahrzehnte danach mit den Folgen des Unfalls zu tun – vor Ort wie weit entfernt: Noch heute wird in Bayern jedes geschossene Wildschwein auf Radioaktivität untersucht.

Was Tschernobyl und Corona gemeinsam haben

Tschernobyl hat der bundesrepublikanischen Gesellschaft Gefahren real bewusst gemacht, die zuvor als theoretisch begriffen worden waren. So wie bis 2020 die Gefahr einer Pandemie zwar bekannt, aber kaum vorstellbar war.

Die Verunsicherung 1986 war immens – zumal die Strahlung nicht zu schmecken, nicht zu riechen, nicht zu fühlen war. Es war eine für die Menschen schwer greifbare Gefahr – auch das eine Parallele zur Pandemie, deren Opfer abgeschirmt auf den Intensivstationen sterben. Das Leiden und Sterben der verstrahlten „Liquidatoren“, der Arbeiter und Soldaten, die direkt vor Ort versuchten, den havarierten Reaktor abzuschirmen, fand weit hinter dem „Eisernen Vorhang“ statt.

Und in der Bundesrepu­blik? Die Bürgerinnen und Bürger mussten den Experten und den offiziellen Regierungsstellen vertrauen, was gefährlich war und was nicht. Die Fachleute stritten, wie groß das Risiko denn nun beim Genuss türkischer Nüsse, bayerischer Pilze, von Salat oder Milch war. Die Menschen lernten neue Begriffe: Becquerel, Halbwertzeit – wie jetzt Inzidenz oder R-Wert. Ein Abwägen von Risiken und Möglichkeiten, damals wie heute. Widersprüchliche Aussagen der Wissenschaft und Verunsicherung bei den Menschen – damals wie heute.

Bewusstsein für Risiken

Was ist politisch und gesellschaftlich geblieben von Tschernobyl, was sollte bleiben vom Umgang mit der Pandemie? Ein Bewusstsein, dafür, wie schnell theoretische Risiken handfest im Alltagsleben ankommen und dass sich eine Gesellschaft darauf vorbereiten sollte – ob es um technische Katastrophen geht, gesundheitliche oder auch klimatische.

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