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Sondierungsgespräche nach der Bundestagswahl

Union hat Jamaika mit Ansage versemmelt

Die Juniorpartner geben die Richtung bei der Regierungsbildung vor. Union und SPD werben heftig um die Gunst der beiden Kleinen. Nach den ersten Sondierungsgesprächen scheint die Tendenz klar. Ein Kommentar.

Von Norbert Tiemann

Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Armin Laschet (CDU), Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) und Markus Söder (CSU) bei einer Pressekonferenz nach den Sondierungsgesprächen. Foto: Michael Kappeler/dpa Foto: Michael Kappeler

Der Überraschungswert der Nachricht hält sich in Grenzen: Die Republik steuert auf eine Ampel-Regierung aus SPD, Grünen und FDP zu. Unter Dach und Fach ist in dieser Dreier-Koalition zwar noch rein gar nichts, die Jamaika-Alterna­tive allerdings nimmt von Tag zu Tag mehr den Status theoretischer Träumereien an. Weil CDU und CSU sich ihren Sondierungspartnern in einer Verfassung präsentieren, die nicht einmal die notwendige Basis für eine Vertraulichkeit von ersten Gesprächen zu gewährleisten vermag. Die Jamaika-Beerdigung zweiter Klasse geht nicht auf das Konto von FDP und Grünen; die Union hat geradezu dazu eingeladen.

Die Demontage des CDU-Vorsitzenden Armin Laschet ist in vollem Gange. Das Durchstechen vertraulicher ­Inhalte in dieser für eine Regierungsbildung ausge­sprochen fragilen Situation trägt Züge von Sabotage. Niemand kann sich hier mit Hinweis auf locker-leichtfertige Plaudereien einen schlanken Fuß machen; der Versuch Laschets, sich über das Lösen eines Jamaika-Tickets eine politische Zukunft an der Spitze der Partei und womöglich einer neuen Bundesregierung zu sichern, sollte zum Scheitern gebracht werden. Mal sehen, wer sich von den parteiinternen Widersachern wann aus der Deckung traut.

Christian Lindner geht mit seinem Aufspringen auf den rot-grünen Ampelzug ein hohes Risiko ein. Einerseits wird er sich des Drucks zum Mitregieren ein zweites Mal kaum entziehen können, andererseits läuft er Gefahr, beim Überbrücken größter inhaltlicher Differenzen sowohl zu Grünen als auch zur SPD den Rückhalt in seiner Partei zu verlieren. Die grün-gelben Polit-Flirt-Fotos sind längst ein Fall fürs Poesiealbum; jetzt geht es inhaltlich ans Eingemachte – und für die FDP darum, in der Ampel so etwas wie die politische Mitte zu retten.

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