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Zur Aufarbeitung der Flutkatastrophe

Unsicherheit schwindet, Gewissheit nimmt zu

Das Leben nach der Flut ist für die Menschen in NRW und Rheinland-Pfalz nicht mehr dasselbe wie davor. Immer wieder stellen sich die Fragen nach der Ursache und ob das Ausmaß der Katastrophe hätte gemindert werden können. Zumindest mit Blick auf die extremen Regenfälle fallen die Ergebnisse relativ eindeutig aus.

Von Ulrich Schaper

21.08.2021, Bad Neuenahr, Deutschland - Flutkatastrophe im Ahrtal. Foto: Im Ortskern von Bad Neuenahr nach der Flutkatastrophe Mitte Juli. Foto: Reiner Zensen via www.imago-images.de

Nach der Flutkatastrophe, die sich vor fünf Wochen in Teilen Nordrhein-Westfalens und in Rheinland-Pfalz ereignet hat, folgt die Aufarbeitung. Ein absolut notwendiger Vorgang. Kritisch wird derzeit geprüft, ob man Häuser und Infrastruktur hätte schützen, ob Menschleben hätten gerettet werden können. Und immer wieder die bange Frage: War das der Klimawandel?

Wissenschaftler aus vielen Ländern Europas und den USA haben nun untersucht, inwieweit der vom Menschen verursachte Klimawandel die Wahrscheinlichkeit und Intensität der Regenfälle, die zu den Überschwemmungen geführt haben, verändert hat. Attributionsforschung, oder auch Zuschreibungsforschung, nennt man diese Art der wissenschaftlichen Analyse.

Die Studie belegt: Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu solch extremen Regenfällen kommt, hat sich durch den Klimawandel deutlich erhöht – im Vergleich zur vorindustriellen Zeit ist sie bis zu neunmal so hoch. Die Niederschlagsmengen im Juli haben zudem die bisherigen in Wetteraufzeichnungen dokumentierten Ex­tremwerte um ein Vielfaches überschritten. Dass die Wassermengen, die an einem Tag herabregnen können, auch künftig steigen, sei ebenfalls sehr wahrscheinlich – zwischen 3 und 19 Prozent wird der Regen je nach Klimamodell stärker werden. Die Beweislast der Studie ist erdrückend, die Aussichten sind ernüchternd.

Noch viel wichtiger aber, als die maßgebliche Ursache der Flutkatastrophe – den Klimawandel – durch moderne Wissenschaft bestätigt zu wissen, ist es nun, diese Gewissheit zu nutzen – für eine klugen Umgang mit den Umweltveränderungen. Auf 3949 Seiten hat der jüngste Bericht des Weltklimarates verdeutlicht, wie und wo sich unsere Erde verändert; und wie stark sie sich angesichts der globalen Erwärmung noch verändern wird. Ja, steigende Temperaturen weltweit und damit verbundene Trockenheit und Dürren sind garantiert. Für West- und Mitteleuropa aber gehen die Forscher auch von einer Zunahme extremer Niederschläge und Flussüberschwemmungen aus.

Wenn es schlecht läuft, wenn physikalische Kipppunkte erreicht sind, kann es passieren, dass sich die Umweltbedingungen nicht nur unaufhaltsam, sondern auch schneller verändern, als sich die Gesellschaft darauf einstellen kann. Auch in Deutschland werden wir lernen müssen, mit solchen Wetterextremen umzugehen – unabhängig von der Frage, wie es uns gelingt, den Klimawandel selbst zu bekämpfen.

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