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Kommentar

Völlig planlos?

Münster

Ausgerechnet mitten in der dritten Corona-Welle wollen viele Kommunen von Tübingen und Rostock lernen. Der Sehnsucht der Menschen nach Freiheit nachzugeben, ist verlockend – und gefährlich. Ein Kommentar. 

Norbert Tiemann

In Tübingen läuft derzeit das bundesweit beachtete Modellprojekt „Öffnen mit Sicherheit“. Ähnliche Projekte sollen künftig auch imn NRW umgesetzt werden. Foto: dpa

Da traut man seinen Augen und Ohren kaum noch: Das Robert-Koch-Institut und Minister Spahn malen für die kommenden Wochen düstere Corona-Szenarien an die Wand mit bis zu 100 000 Neuinfizierten täglich und einem an seine Grenzen stoßenden Gesundheitssystem. Eine dritte Welle also, die die erste und zweite an Dramatik übertreffen könnte. Und zeitgleich sprießen plötzlich vielerorts Modellversuche mit Öffnungen und Notbremsen-Lockerungen in der Frühlingssonne.

Vor fünf Tagen erst beschloss die Politik eine radikale Osterruhe, deren Durchsetzung zwar an der Unmöglichkeit der Umsetzung scheiterte, die aber als Wellenbrecher geeignet schien, dabei sogar als eigentlich noch zu kurz bemessen benotet wurde. Dem sofortigen Einkassieren folgten allerdings keinerlei Alternativ-Maßnahmen, um den rasanten Anstieg der Inzidenz zu stoppen.

Ausgerechnet in dieser Phase von Tübingen und Rostock lernen, den Menschen mit Negativ-Tests Tickets in die neue Freiheit lösen? Der Sehnsucht der Menschen nachzugeben, ist für die Politik zweifellos verlockend. Aktuell vermittelt sie aber eher das Bild von Mut- und Planlosigkeit, hoffentlich nicht auch von Kontrollverlust.

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