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Abschluss der Serie zur Stadtentwicklung

Ein Plädoyer nach 25 Jahren: Münster ist unterfordert

Münster

Mit dem Jahr 2018 endet auch die Dienstagsserie zur Entwicklung Münsters seit dem Stadtjubiläum 1993. Der Autor Klaus Baumeister formuliert ein Plädoyer FÜR die Stadt.

Klaus Baumeister

Nur an einem einzigen Tag innerhalb der vergangenen 25 Jahre blitzte in Münster der Ehrgeiz auf, FÜR etwas Großes auf die Straße zu gehen und eine Botschaft FÜR andere zu formulieren. Es war der Tag der gescheiterten Kulturhauptstadtbewerbung am 20. Mai 2004. Foto: Oliver Werner

Es ist inzwischen nur noch eine Fußnote der Stadtgeschichte: Münster wollte mal Kulturhauptstadt werden. Sie wurde es nicht – und es sei dahingestellt, ob das Anliegen von damals heute noch eine Relevanz hat.

Die Bewerbung wies seinerzeit eine sprachliche Besonderheit auf, die auch inhaltlich tief blicken ließ. Die Bewerbungsschrift trug den Titel: „Münster – Kulturhauptstadt FÜR Europa“. Das Wort „FÜR“ machte den Unterschied. Es dokumentierte die Bereitschaft, nicht bloß die Hauptstadt-Würde anzustreben, sondern die damit verbundene Verpflichtung zu betonen.

Es stand der Anspruch im Raum, eine Botschaft FÜR Europa zu formulieren – die Botschaft des Westfälischen Friedens, die Botschaft der Kunst im öffentlichen Raum, die Botschaft der Bürgerstadt im Dialog. Nicht ohne Grund wurde in der Bewerbungsschrift die gleichermaßen ehrgeizige wie anmaßende Frage gestellt: „Was leisten wir FÜR Europa?“

Münster ist eine Einkaufsstadt

Gemäß dieser Logik ist es interessant, die bestehenden Titel, sprich die Charakterisierungen der Stadt, durchzugehen und kritisch zu fragen, ob hierbei der Status oder eher die Aufgabe im Vordergrund steht.

Also: Münster ist eine Studentenstadt. Das weiß jeder. Aber ist Münster auch eine Stadt FÜR Studenten? Ist der Stadtgesellschaft bewusst, dass bei rund 60 000 Lebensabschnitts-Münsteranern in der Nachbarschaft eine ganz zentrale Aufgabe darin besteht, gute Gastgeber zu sein? Ist der Ehrgeiz erkennbar, es nicht dem Zufall zu überlassen, ob die Studierenden ihre Münster-Jahre in guter oder schlechter Erinnerung behalten?

Noch so eine Charakterisierung: Münster ist eine Fahrradstadt. Niemand wird dem widersprechen. Aber ist Münster auch eine Stadt FÜR Radfahrer? Die vielen Radler in Ehren, aber wenn es um Innovationen im Radverkehr geht, muss sich der Interessierte schon in den Niederlanden umsehen. Münster lebt lieber vom Glanz früherer Jahre.

Weiter: Münster ist eine Einkaufsstadt. Aber ist Münster auch eine Stadt FÜR den Einzelhandel? Natürlich ist der Einzelhandel ein sehr wichtiger und starker Wirtschaftsfaktor. Aber glänzt er auch durch Innovationsbereitschaft? Besteht in der Stadtgesellschaft ein Bewusstsein für die Herausforderungen der Branche, ja vielleicht sogar der Ehrgeiz, der Taktgeber zu sein? Es gibt gute Ansätze. Aber insgesamt ist nüchtern festzuhalten: viel Substanz, wenig Dynamik.

Münster ist in vielerlei Hinsicht eine Vorzeigestadt

Kommen wir zur wichtigsten Charakterisierung: Münster ist eine Universitätsstadt. Aber ist Münster auch eine Stadt FÜR die Universität? Wie sieht die Hochschule der Zukunft aus? Wie sieht das Lernen der Zukunft aus? Gibt es Antworten auf diese Fragen – und wenn ja, kommen sie aus Münster?

Hier ein Beispiel, wie schwer es Münster fällt, mit den im Übermaß vorhandenen Pfunden auch zu wuchern: Für die Lehrerausbildung in NRW hat Münster eine überragende Bedeutung. Aber niemand kommt auf die Idee, an einem anspruchsvollen Ziel zu arbeiten, das da lauten könnte: „Die Schule der Zukunft wird in Münster erfunden.“

Münster bringt auch alle Voraussetzungen mit, um das deutsche Gesundheitswesen voranzubringen, eine christlich-islamische Theologie zu erarbeiten und ethische Grundsätze für das digitale Zeitalter zu formulieren. Aber wer sagt das den Münsteranern?

Niemand kann bestreiten, dass sich die Präsenz von acht Hochschulen in Münster in einem hohen Einkommens- und Bildungsniveau widerspiegelt. Doch das Potenzial ist so groß und die Chancen sind so vielfältig, dass sich die Stadt ständig mit der Frage herumquält, ob sie nicht hinter ihren Möglichkeiten bleibt. Münster ergeht es wie den Eltern, die sich über die Note 2,0 auf dem Abiturzeugnis ihres Kindes nicht freuen können, weil sie ihren hochbegabten Nachwuchs bei den Einser-Kandidaten vermutet hätten.

Münsteranern fehlt Neugierde

Münster ist in vielerlei Hinsicht eine Vorzeigestadt, ein Weltmeister im Verborgenen, eine mit interessanten Menschen geradezu gesegnete Stadt. Aber es mangelt an Strategien, um die überbordende Intelligenz, die überbordende Kreativität und die überbordende Energie nicht verpuffen zu lassen, sondern sie FÜR das Allgemeinwohl in sinnvolle Bahnen zu lenken. Münster ist nicht überfordert, Münster ist unterfordert. Immer dann, wenn es darauf ankommt – sei es beim Starkregen 2014 oder bei der Amokfahrt 2018, ist Münster da – und meistert die Krise mit Bravour.

Warum aber ist es für Münster so schwer, auch im Alltagsmodus zu bestehen? Nun, das hängt damit zusammen, dass sich die Träger der Identität und die Träger der Innovation in zwei verschiedenen Welten bewegen. Die einen kennen sich im Rathaus bestens aus, wissen aber nicht, wo die Garagen der Start-Up-Unternehmer, die Labore der Forscher und die Ateliers der Künstler liegen. Bei den anderen ist es genau umgekehrt.

Überspitzt könnte man sagen: Wer sich für Neues interessiert, interessiert sich nicht für Münster. Wer sich für Münster interessiert, interessiert sich nicht für Neues. Den Münsteranern fehlt nichts – außer Neugierde.

Oberzentrum für die Region

Die Folge ist eine verzerrte Wahrnehmung der Realität. Der Paohlbürger freut sich über die Wertstabilität seiner Immobilie, bemerkt aber nicht, dass die hohen Mietpreise Menschen vertreiben, die Münster eigentlich braucht. Der Paohlbürger freut sich auch darüber, dass es der Stadt finanziell nicht so schlecht ergeht wie vielen anderen Kommunen. Aber er merkt nicht, dass allein die extrem hohen Gewerbesteuerzahlungen der münsterischen Wirtschaft die Stadt vor dem Kollaps bewahren. Zu dieser Steuerkraft wiederum tragen Zehntausende Nicht-Münsteraner bei, die Tag für Tag als Berufs-Pendler in die Stadt strömen.

Der Paohlbürger neigt zu der Vorstellung, sein Wohlergehen sei eine Folge seiner Strebsamkeit, seiner Intelligenz und seines Gemeinsinns. Bei nüchterner Betrachtung sind es aber schlicht glückliche Umstände, die dafür sorgen, dass Münster auf der viel zitierten Insel der Glückseligen liegt.

Man stelle sich einmal vor, die in der ganzen Republik verstreut lebenden Eltern der münsterischen Studierenden würden die Daueraufträge für ihre Kinder kündigen. Man stelle sich vor, die Düsseldorfer Landesregierung würde die tausendfachen Gehaltszahlungen gen Münster stoppen. Man stelle sich vor, die Menschen zwischen Nordsee und Sauer land würden damit aufhören, ihr Geld so großzügig in münsterische Geschäfte zu tragen. Man stelle sich vor, wie schnell es dann zappenduster in Münster wäre.

Was also soll Münster tun, damit es endlich die Bedeutung erlangt, die sich Münsteraner für ihre Stadt so sehr wünschen?

Die Stadtgesellschaft sollte erkennen, dass Münster nicht für Münster da ist, sondern FÜR andere. Ein Oberzentrum FÜR die Region, eine Stadt der Wissenschaft und Lebensart FÜR das Land.

Große Serie

Dies ist die letzte von insgesamt 28 Teilen, die im Rahmen der Serie „Münsters Entwicklung seit dem Stadtjubiläum 1993“ erschienen sind. Beginn der Serie war am 3. Juli. Die Texte fließen ein in das Buchprojekt  „25 Jahre Münster – Eine Bilanz“. Der Untertitel: „Die Entwicklung der Stadt seit der 1200-Jahr-Feier 1993“. Der geplante Erscheinungstermin ist  der 1. März. Interessierte können sich hier näher informieren.

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