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Eisenbahn

85-Jähriger betreibt die Modellanlage im Bahnhof

Günter Benning

Münster - Feuer im Fachwerkhaus. Ein Wehrmann hebt den Schlauch, vorne kommt ein dünner Wattebausch raus. Die Polizei lenkt neben den Eisenbahnschranken eine Oldtimer-Karawane um. Alles wirkt so stocksteif wie in einem Bilderbuch. „Schmeiß mal 50 Cent rein“, sagt ein Zuschauer des Minidramas hinter Glas im Bahnhofseingang, „ich will jetzt ICE fahren.“

50 Cent - so billig fährt man nur mit dem ICE der Firma Werner Ehret & Co. KG aus Düsseldorf. Seit 40 Jahren bedient die Münsters Bahnhof mit Trix- und Märklin-Loks. Pünktlich nach einem Fahrplan, den das Klackern von Cent- und Euro-Stücken bestimmt.

„Werner Ehret, mein Chef“, sagt Hans-Dieter Hoernig, „für den gab es kein Es Geht nicht“. Hoernig ist 85 Jahre alt, hört sich aber 30 Jahre jünger an. Vor 40 Jahren hatte er die Idee mit den Modellbahnen in Bahnhöfen. „Wir hatten Süßwarenautomaten aufgestellt, für Maoam und all son Quatsch“, erzählt er.

Dann sah er in Düsseldorf eine Scaletric-Autobahn, die ein findiger Unternehmer dort aufgebaut hatte. Scalectric waren Rennwagen, getuntes, aufgemöbeltes Spielzeug. „Die Leute konnten mit ihren Karren kommen und die da fahren lassen.“

Hoernig selbst hatte eine Eisenbahn im Keller. Da dachte er sich: „Mensch, das wär doch was.“ Bei der nächsten Spielwarenmesse in Nürnberg stellte er seine Idee bei Trix und Märklin vor - und alle sagten ihm das eine: „Das geht nicht.“

Bis auf seinen Chef: „Geht nicht, gibts nicht“, sagte Werner Ehret und ließ die erste Glaskiste mit Modellbahn und Geldautomat bauen.

Im Düsseldorfer Bahnhof gabs gleich Probleme. „Da hat einer zu heftig an die Scheiben geklopft“, sagt Hans-Dieter Hoernig, „der wollte die Bahn zum Entgleisen bringen.“

Aus Pannen lernt man. Genau wie die große Bahn heute. Die kleine Trix-Mini-Lok war einfach zu wackelig auf den Schienen. Hoernig stieg um auf Märklin. Heute sind beide Lokmarken unterwegs, und es passiert wenig. „Wir haben in jedem Bahnhof jemanden, der mal aufpasst.“

Diese Bahn ist krisensicher. Internetspiele? Hightech-Jux? „Ach“, sagt Hoernig soziologisch, „die Spielgewohnheiten unserer Bevölkerung sind immer gleich geblieben.“ Seit Jahren könne er im Voraus sagen, was in den Geldkästen übrig bleibt. Da kommts nämlich auf das Publikum an.

Berufspendler rasen vorbei, die taugen nicht. Reisende mit Verspätung, die bleiben eher stehen. Hoernig: „Wir vertreiben denen die Zeit für wenig Geld.“ Sechs Fahrten für 50 Cent, 14 Fahrten für einen Euro. Beim Abschied von der Mark wurde sauber 1:2 umgerechnet.

Und ständig wird das Modell etwas modernisiert. Neben der Dampflok gibts den ICE, im Hintergrund dreht sich ein Windrad. Und an der Ecke blitzt die Polizei.

Hoernig ist immer noch dabei. „Ich hab geraucht, ich hab getrunken“, sagt er. Alles Vergangenheit. „Warum ich mit der Eisenbahn nicht aufhöre, weiß ich nicht.“

32 Modellanlagen betreibt er, 29 sind aufgestellt, eine in einem Media-Markt, weil die das so toll fanden.

„Einer sagte mir neulich, wer spielt denn noch Eisenbahn“, grinst der alte Klein-Bahner, „aber wir haben jedes Jahr Tausende von Fahrten. Die Kinder wissen eben ganz schnell, wo unsere Bahn ist.“

Rings um das Modell herrscht derzeit Leerstand in Münsters Bahnhof. Vorzeichen des nahenden Umbaus. „Wir haben noch keine Kündigung bekommen“, sagt Senior Hoernig, „wir warten mal ab.“

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