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Landwirtschaft

Ernährung, Biodiversität – und noch viel mehr

Münster

Die gute Erntebilanz ist erst wenige Tage alt. Die Agrar-Branche blickt aber sogleich in die Zukunft: der Krieg in der Ukraine, die angespannte Ernährungslage in der Welt und der Klimawandel lässt keine Pause zu. Auf dem Agravis-Versuchsgut in St. Mauritz entstehen heute Ideen für das Morgen der Landwirtschaft.

Von Ulrich Schaper

Rund 170 Getreidesorten werden auf dem Agravis-Versuchsgut in St. Mauritz Jahr für Jahr getestet. Auch am Standort Foto: dpa

Als Anfang August Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir vermelden ließ, einige GLÖZ-Regeln im Jahr 2023 aussetzen zu wollen, machte sich auch am Industrieweg in Münster Erleichterung breit. Zwar sind die damit einhergehenden Vorgaben für „guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand“ auch am Standort der Agravis Raiff­eisen AG gern gesehen – und in normalen Jahren handlungsleitend. In einer Zeit aber, in der eben viele Dinge ins Wanken geraten sind, braucht es Flexibilität.

„Wir erfahren Politik als Leitplanke, an der wir uns ausrichten – und bei dieser Entscheidung muss man ­sagen: Sie war richtig. Sie hilft enorm“, sagt Agravis-Chef Dirk Köckler. Worum es bei der Aussetzung geht: Landwirte, dürfen auf denselben Flächen, auf denen sie in diesem Jahr Weizen angebaut haben, auch im nächsten Jahr Weizen anbauen. Flächen also, die nach geltendem Recht eigentlich brachliegen sollten, dürfen noch einmal ­genutzt werden, wenn das der Lebensmittelproduktion dient. „Die Freigabe des sogenannten Stoppelweizens bringt uns drei bis vier Millionen Tonnen zusätzlichen Ertrag – das sind fast 20 Prozent der gesamten Weizenernte, die wir haben“, ordnet Köckler ein.

Dirk Köckler über die sogenannte Stoppelweizen-Entscheidung der Regierung

Am firmeneigenen Versuchsgut in St. Mauritz ­sprechen Köckler und seine Kollegen Franz Schulze Eilfing, Ralf-Georg Keunecke (beide Pflanzenschutzexperten), Bernd Schmitz (Bereichsleiter Futtermittel) Bianca Lind (Nachhaltigkeit) über die aktuellen Herausforderungen der Landwirtschaft. Welche Pflanzenbaustrategien eine Zukunft haben und wie Klimawandel, Kostendruck, Lieferketten und Umweltstandards die Branche momentan herausfordern.

Seit 1988 betreibt Agravis das Versuchsgut, das rund 27 Hektar umfasst. Auf 5000 kleinen Parzellen werden dort vor den Toren Münsters Lösungen für die Landwirtschaft von morgen gesucht.

Jahr für Jahr 170 Getreidesorten im Test

„Das hier ist unsere Herzkammer“, streicht Köckler die Relevanz des Versuchsguts heraus. Jahr für Jahr werden dort 170 Getreidesorten in Anbauversuchen getestet und Maßnahmen zur Bio­diversität umgesetzt, wie beispielsweise Blühstreifen. Erkenntnisse sammelt das Unternehmen dort aber nicht nur in Sachen Pflanzenschutz, Düngung und Saatgut – auch Bodengesundheit und Nachhaltigkeit sind wesent­liche Kriterien auf der Suche nach Lösungen.

Tatsächlich sieht sich die Landwirtschaft mit großen Herausforderungen konfrontiert: zum einen durch die globale Ernährungslage, die durch den Krieg in der ­Ukraine wesentlich unsicherer geworden ist – zum anderen durch den voranschreitenden Klimawandel.

„Die globale Erwärmung ist ein ganz starker Treiber für das, was wir tun. Immer stärker richten wir unsere Maßnahmen danach aus“, sagt der Agravis-Chef.

Skizzierten aus Sicht der AGRAVIS Raiffeisen AG die Eckpunkte eines nachhaltigen Pflanzenbaus (v.l.): Franz Schulze Eilfing, Bernd Schmitz, Dr. Dirk Köckler, Ralf-Georg Keunecke und Dr. Bianca Lind. Foto: Agravis Raiffeisen AG

Globale Erwärmung als Treiber der landwirtschaftlichen Entwicklung

Pflanzenschutzexperte Ralf-Georg Keunecke ergänzt: „Auch auf unserem Versuchsgut ist die Trockenheit zu einem wesentlichen Faktor geworden.“ Seit rund zehn Jahren gebe es im Frühjahr immer ausgedehntere Wochen ohne nennenswerte Niederschläge. „Wir sind daher ­gezwungen, flexibel zu sein. Es macht keinen Sinn mehr, die Versuchspläne strikt einzuhalten. Wir müssen uns dem beugen, was das Wetter von uns fordert“, sagt Keu­neckes Kollege Franz Schulze Eilfing.

Mit den steigenden Temperaturen haben auch Schädlinge und Pflanzenkrankheiten wie etwa Pilzbefall zu­genommen. „In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass Landwirte weiterhin ­reagieren können – ohne entsprechende Behandlungsmöglichkeiten drohen erhebliche Ertragsausfälle“, sagt Keunecke.

Grundsätzlich aber, relativiert Dirk Köckler, seien die Erträge in der Bundes­republik bis auf Weiteres ­sicher. „Man darf bei all den Diskussionen nicht vergessen, dass wir uns im globalen Vergleich in Deutschland an einem der Hochertragsstandorte befinden.“

Deutschland ist noch immer ein Hochertragsstandort

Neben dem systemrelevanten Versorgungsauftrag erfülle die Landwirtschaft aber noch viele weitere Aufgaben, erinnert der Agravis-Chef. „Wir können eben nicht nur Brotweizen an­bauen. Wir haben in der ­Fläche auch Energie zu produzieren, wie etwa für Bioethanol und Biogas, wir stellen Flächen zur Verfügung für die Installation von Photovoltaik-Anlagen und für Windkraft. Wir ent­wickeln Fruchtfolgen nicht nur zur Nahrungssicherung sondern auch zur Speicherung von CO2. Es ist dieser ganzheitlicher Ansatz, der Landwirtschaft heute ausmacht“, sagt Klöckler. Was er nicht extra betonen muss: Eben jener Ansatz ist es auch, der für die Landwirte eine so große Herausforderung ist.

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