Lage der Kinos

Ansgar Esch: „Das ist bislang die schwerste Zeit“

Münster

In der Film- und Kinowirtschaft gibt es endlich wieder Licht am Ende des Tunnels. Ab Samstag (30. Mai) dürfen Kinos unter Auflagen wieder öffnen. Der Geschäftsführer der Münsterischen Filmtheater-Betriebe erklärt im Interview, wie das funktionieren wird.

Johannes Loy

Die Geschäftsführer Ansgar und Anselm Esch (hier im Cineplex) freuen sich auf den Neustart. Foto: Wilfried Gerharz

Die Corona-Krise hat die gesamte Kultur-Branche erwischt und gerade auch die Film- und Kinowirtschaft ins Mark getroffen. Jetzt ist etwas Licht am Ende des Tunnels zu sehen. In den nächsten Tagen dürfen Kinos unter strengen Auflagen wieder öffnen.

Wie das funktioniert und was die Kinobranche für den Neustart unternimmt und plant, darüber sprach unsere Zeitung mit dem Geschäftsführer der Münsterischen Filmtheater-Betriebe, Ansgar Esch.

Die Corona-Krise hat auch Münsters Kinos in die Knie gezwungen. Wie haben Sie die Zeit seit Mitte März erlebt?

Ansgar Esch: Beruflich war das für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Unternehmensführung die schwerste Zeit, an die wir uns erinnern. Zumal gerade in der Zeit des Umdisponierens und Planens zugleich noch viel mehr Arbeit anfiel als in normalen Zeiten, wenn der Betrieb sich im gewohnten Alltagsmodus befindet. Die Sorge um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und und um die Existenz des Unternehmens begleitet uns rund um die Uhr.

Mit dem Autokino haben Sie schnell für Ersatz gesorgt. Wie ist das Experiment aus Ihrer Sicht gelaufen?

Esch: Das war wirklich ein voller Erfolg. Wir haben von unserem Publikum aus der Region eine unglaubliche Resonanz bekommen. Alle waren froh und dankbar, dass es wieder etwas zu erleben gibt. Wir haben dann auch den kulturellen Solidar-Aspekt mit ins Spiel gebracht. Das Autokino war und ist eine wunderbare Möglichkeit, präsent zu bleiben, Kino machen zu können und Leute in der Arbeit zu halten. Am Ende aber waren auch diese Aktionen finanziell nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Kritik an der Landesregierung

Nun geht es in wenigen Tagen, am 4. Juni, weiter: Unter welchen Bedingungen genau?

Esch: Leider ist die Informationspolitik der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen so kurz und unvollständig, dass wir das Cineplex entgegen unser Planung nicht schon am Samstag vor Pfingsten, 30. Mai, aufmachen können. Erst am Mittwochabend wurde die neue Verordnung publiziert, aber es fehlten noch detaillierte Informationen für die Kinos. Die meisten anderen Branchen haben ja schon mehrseitige Informationen erhalten. Wir müssen noch mal mit unseren Konzepten in die Detailabstimmung gehen. Man kann auch nicht in zwei Tagen ein großes Haus wie das Cineplex hochfahren, dafür waren die Vorschriften und Angaben zu ungenau. Also werden wir das Cineplex erst am 4. Juni öffnen, bis dann hoffen wir, die Vorgaben personell und strukturell umsetzen zu können. Bis zu 25 Prozent Auslastung und maximal 100 Gäste pro Saal sind möglich. Bei Kinosälen, die teilweise für 600 Leute konzipiert sind, erreichen wir nicht einmal die 25 Prozent Platzauslastung. Das Cineplex wird auch vom 4. Juni an nur von Donnerstag bis Sonntags öffnen. Ein Catering ist möglich unter den entsprechenden Restriktionen: Mundschutz Handschuhe und so weiter. Es dürfen, wie anderswo auch, keine offenen Waren angeboten werden, die Vorstellungen werden zeitlich so entzerrt, dass auch im Foyer kein Gedränge entstehen kann. Zwischen den Filmstarts liegen folglich rund 20 Minuten. Ein- und Ausgang werden voneinander getrennt.

Cinema öffnet schon eher

Das Cinema tastet sich mit einem „Pre-Opening“ langsam wieder ins Kino-Leben vor. Dazu öffnet es am Samstag, 30. Mai, von 16.45 Uhr bis 21 Uhr seine Pforten und liefert ein Programm mit sechs Elementen. Darunter sind vier Filme aus dem Corona-Ausbruchsmonat März, Kurzfilme sowie als Münster-Premiere der Film „Sorry We Missed You“ von Ken Loach­. Wie Kinoleiter Holger Lüsch erläutert, wird das Kino dann vom 4. Juni an wieder regelmäßig öffnen, allerdings mittwochs einen Ruhetag einlegen, zumal es mittwochs auch Autokinovorstellungen gibt. Abstand ist das Gebot der Stunde. Daher werden nur 20 bis 25 Prozent der Sitze besetzt. Jede zweite Reihe bleibt frei, außerdem werden rechts und links von jedem Einzelplatz drei Plätze gesperrt. Die Anfangszeiten der Kinofilme wurden entzerrt, so dass im Foyer kein Gedränge herrschen wird. Außerdem bleibt Zeit zum Durchlüften.

Was ist mit dem Schlosstheater?

Esch: Das Schlosstheater öffnet wie das Cinema auch schon am Samstag, dem 30. Mai. Das ist für uns bedeutend einfacher umzusetzen, zumal dort der Gastrobetrieb schon läuft und die Dimensionen etwas kleiner sind, so dass weniger Personal nötig ist. Am Samstagnachmittag um 16.30 Uhr geht es los mit den Filmen aus dem März, die im Grunde ja kaum gelaufen sind: Wir zeigen „Narziss und Goldmund“ und Woody Allens „Rainy New York“, sowie im dritten Saal „Little Women“.

Wie lange kann ein eigentlich ein großer Kino-Betrieb derartige Ausfallzeiten überbrücken?

Esch: Nicht ewig. Zumal die Öffnung unter diesen Prämissen im Grunde keine wesentliche Verbesserung zur kompletten Schließung bedeutet. Wenn es nicht spätestens im Herbst ein normales Quartal gibt, dann wird es nicht nur in Münster, sondern auch deutschlandweit zu Schließungen kommen. Es sei denn, die Politik legt ein starkes Hilfsprogramm auf.

Siebenstellige Verluste

Wie hoch schätzen Sie die Verluste bis zum heutigen Tag ein, mit welchen Verlusten müssen Sie in den nächsten Monaten rechnen?

Sie befinden sich im siebenstelligen Bereich. Wenn ich alle Betriebe unserer Gruppe zusammennehme, sind das rund anderthalb Millionen Euro. Rücklagen sind in solchen Zeiten besonders wichtig. Aber wir haben schon immer so gewirtschaftet und sind nun unverschuldet in eine Situation geraten, die so niemand vorhersehen konnte. Im Übrigen hatten wir im laufenden Jahr auch Investitionen geplant. Das muss jetzt alles verschoben werden.

Wie geht es nun in den nächsten Wochen im Filmprogramm weiter?

Esch: Wir nehmen zunächst die Märzfilme wieder auf. Dann werden wir auch Filmreihen konzipieren und zum Beispiel Klassiker zeigen, die es sich besonders auf der großen Leinwand zu zeigen lohnt: „Matrix“ ist dabei oder „2001“. Mitte Juli könnte dann der erste Blockbuster laufen: Christopher Nolans „Tenet“.

Normalisierung im Juli?

Wann rechnen Sie mit einer vorsichtigen Normalisierung der Lage für die Kinos?

Esch: Vom Filmangebot her wird sich die Lage erst Mitte Juli normalisieren, erst dann wird überhaupt neue Filmware reinkommen. Außerdem hängt vieles natürlich auch von den weiteren Entwicklungen in Amerika und China ab und ob dort auch flächendeckend und ökonomisch sinnvoll wieder der Kinobetrieb läuft. Wir hoffen, dass wir dann mindestens im letzten Quartal des Jahres 2020 wieder einigermaßen normal wirtschaften können.

Gibt es schon heute Überlegungen, wie eine zweite Infektionswelle abgefedert werden könnte?

Esch: Wir sind uns der anhaltenden Bedrohung und Gefahr bewusst, haben aber die Hoffnung, dass es nicht so weit kommt. In dieser Situation vorsichtig und verantwortlich zu handeln, ist und bleibt unsere Maxime.

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