1. www.wn.de
  2. >
  3. Muenster
  4. >
  5. Auge in Auge mit dem Champion

  6. >

Tischfußball gegen einen ehemaligen Vize-Weltmeister

Auge in Auge mit dem Champion

Münster

Julian Wortmann ist ehemaliger Deutscher Meister und sogar Vize-Weltmeister im Tischfußball. Unserem Redakteur Björn Meyer brachte er die Sportart, die gerne ihr Zentrum in Münster erreichten möchte, einen Nachmittag lang näher.

Von Björn Meyerund

Tischfußball-Champion Julian Wortmann aus Münster (l.) erklärte Redakteur Björn Meyer Grundzüge und Feinheiten des TischfußballsEinwerfen war früher. Heutzutage darf der Spieler, der ein Tor kassiert, sich den Ball vor seine Mittelreihe legen. Foto: Oliver Werner

Es ist an der Zeit, an dieser Stelle einmal richtig anzugeben. Beim Kartenspielen bin ich ein fieser Gegner. Einer, der zur Not auch nach zwei Bier zu viel noch Karten mitzählen kann. Ich liebe Würfelspiele, ich habe eine ruhige Hand beim Billard und treffe relativ häufig die 20 beim Dart. Kurz gesagt: Ich bin der Albtraum all derer, die sich in der Kneipe mal wieder überschätzen. Es sei denn, in dem Laden steht ein Kicker. Darin bin ich nicht nur nicht gut – ich glaube, ich bin sogar richtig mies. Ich habe offenbar kein Talent – habe ich jedenfalls immer gedacht. Seit meinem Treffen mit Julian Wortmann weiß ich, dass das ein Irrtum gewesen sein könnte. Denn ich hatte bislang offenbar nicht mal angefangen, dass Spiel überhaupt zu begreifen.

Man kann sich das ja richtig gut vorstellen – auf der einen Seite der Trottel, auf der anderen der Champ als sein Lehrer. Und am Schluss springt dieser eine, so unerwartete Erfolg für den Underdog heraus. Doch so war es nicht. Wortmann spielt nämlich nicht in einer anderen Liga, er spielt ein ganz anderes Spiel. Kickerdepp gegen Tischfußball-Profi. Wie ich da zum Erfolg kommen soll? Wortmann hat eine Menge Tipps. Zum Passen, zum Deckungsspiel, zu den verschiedenen Schusstechniken, zu Tricks und Verhaltensweisen. Als alles nicht hilft, hat er noch einen in petto: „Wenn du heute noch ein Tor schießen möchtest, dann spiele lieber wild drauf los“.

Deutscher Meister

Aber von vorne: „Wir glauben an das Potenzial von Tischfußball“, sagt Julian Wortmann, noch bevor an diesem Tag eine Stange mit Spielfiguren daran bewegt wurde. Zwar sei Tischfußball eine Randsportart: „Ich denke aber, es gibt kaum einen Sport, den so viele Menschen in Deutschland schon ausprobiert haben.“ Auch Wortmann selber kam eher zufällig in die Szene. Der in Westerkappeln aufgewachsene IT-Spezialist lernte als 17-Jähriger im legendären Osnabrücker Hyde Park die Grundzüge des Spiels. Schnell war es um ihn geschehen. Er trat in der Osnabrücker Stadtliga an und bekam eine Anfrage von Roter Stern Bremen aus der zweiten Bundesliga. Später lernte er auf einem der vielen Turniere, die es im Tischfußball gibt – regional sind es laut Wortmann rund 3000 –, einen Spieler des TFBS Koblenz kennen. Wortmann schloss sich dem Verein an. „Ein halbes Jahr später war ich plötzlich Vize-Weltmeister im Doppel“, erinnert er sich.

Die Anekdote scheint ihm dennoch fast unangenehm zu sein. Warum? „Wir hatten einfach einen absurd guten Tag“, gibt Wortmann achselzuckend zu und lacht. „Die Platzierung entsprach im Grunde nicht unserer wahren Spielstärke.“

Einige Jahre später holte Wortmann mit der Mannschaft die Deutsche Meisterschaft nach Koblenz. Mittlerweile ist er weniger im Training. Eine schwere Krankheit warf ihn aus der sportlichen Bahn. Doch Wortmanns Liebe zum Tischfußball ist ungebrochen. Seine Gedanken drehen sich ständig um den gerade der lokalen Politik vorgestellten Plan, in einer Halle am Jovel das deutsche Zentrum für Tischfußball aufzubauen. Inklusive Tribüne und VIP-Loge. Nationale sowie internationale Begegnungen und Turniere, auch Fernsehübertragungen sollen dort stattfinden. Dazu soll es ein Ort der Jugendförderung werden. Das Projekt, ist sich Wortmann sicher, habe Strahlkraft weit über die Grenzen Deutschlands hinaus.

Kein Trash Talk

Doch ich bin an diesem sonnigen Tag ja nicht wegen des Funktionärs, sondern wegen des Sportlers Wortmann zum Hafen gekommen. „Tischfußball ist anstrengend“, weist Wortmann mich ein. Ich muss lächeln. „Doch ehrlich“, lässt er keinen Widerspruch gelten. „Für Handgelenke und Arme?“, frage ich. „Nein“, stellt Wortmann klar. „Vor allem für die Beine.“ Tatsächlich stünden die meisten Anfänger völlig falsch, sagt Wortmann, während er die ersten Bälle in das Metalltor hinter meinem Torwart hämmert. „Klong“, macht das – und mehr bekomme ich davon auch ehrlicherweise nicht mit. Ich stelle mich mal anders hin.

Ein sicherer Stand sei entscheidend, weil nur der garantiere, dass die Arme möglichst locker gehalten würden, erklärt Wortmann. Sobald dies nicht mehr gewährleistet sei, gehe das auf die Geschwindigkeit. „Das ist wie beim Boxen“, zieht Wortmann einen Vergleich. Auch der Boxer halte seine Arme so lange wie möglich locker, erst ganz spät beim Schlag werde die Muskulatur angespannt, um Kraft und Geschwindigkeit miteinander zu vereinen. „Klong“ – Wortmann fünf – Meyer null. Bis fünf gehen die Sätze auch bei Turnieren, gespielt werde im Modus „best of five“ oder „best of seven“, also bis einer drei oder vier Sätze gewonnen hat. 25 bis 30 Minuten dauere das durchschnittlich. „Manche Spiele dauern aber auch schon mal eine Stunde“, erzählt Wortmann. Schiedsrichter kontrollieren das Einhalten des Regelwerks, das laut dem Experten „absurd lang“ ist. Nicht erlaubt ist unter anderem der sogenannte „Trash Talk“, also das Schlechtreden des Gegners. „Klong“. Wieder 5:0.

Als mir klar wird, dass ich ohne konkrete Tipps nicht den Hauch einer Chance habe, lasse ich mir alles erklären. Den Pin-Shot, der auf den unter der Figur eingeklemmten Ball zurückzuführen ist. Den Pull-Shot, bei dem man den Ball zur Seite zieht und vor dem Schuss mit der Figur überholt. Oder den Snake-Shot, auch Jet genannt, bei dem die Spielfigur eine 360-Grad-Drehung macht und so besonders viel Schusskraft entwickelt. Mehr als diese eine Drehung ist übrigens, das weiß man sogar in jeder Kneipe, nicht erlaubt. Doch diese eine Drehung hat es in sich. Damit könne man mit nur zwei Wochen Training alle Kumpels abziehen, sagt Wortmann. Ist notiert. „Klong“.

Übung und Mathematik

Beim Versuch, mir das Passen näherzubringen, entführt Wortmann mich in die so ungeliebte Oberstufen-Mathematik. „Ist genau wie Vektorrechnung“, sagt er – offenbar in der Annahme, ich hätte daran noch irgendwelche Erinnerungen. Gut, es geht halt um die Verteilung der Kräfte. So lässt sich am Tisch steuern, in welche Richtung der Ball rollt. Zudem gelte es, den Raum möglichst klein und das Unterfangen damit entsprechend simpel zu halten. Alles andere sei dann Übung. „Verstanden“, fühle ich mein Wissen stolz ins Unermessliche steigen. „Klong“.

Auf die Raumaufteilung und zusätzlich die richtige Figurenstellung komme es beim Verteidigen an. Gerade aus dessen eigener Hälfte könnten die Optionen für den angreifenden Gegner so erheblich reduziert werden. Die gerade ungenutzten Figuren sollten dabei mit den Füßen möglichst nach vorne gekippt stehen. Das erhöhe die Chance, dass sie Schuss oder Pass auch ohne Hilfe des verteidigenden Spielers aufhalten. „Gut zu wissen“, denke ich und höre – „klong“.

Unsichere Passanten

Trotz aller guten Tipps, Wortmanns Schüsse sind für mich nicht mal zu sehen. Mit rund 35 Stundenkilometern schieße er aktuell noch, sagt er. Manche Spieler kämen aber auf eine Geschwindigkeit von bis zu 50 km/h – auf nur wenige Zentimeter Distanz eine Geschwindigkeit, die – jedenfalls mit untrainiertem Auge – kaum von Überschallgeschwindigkeit zu unterscheiden ist.

Für viele Spitzenspieler, nur ganz wenige können weltweit davon leben, sei nicht zuletzt der soziale Charakter des Spiels entscheidend. Kommunikativ und integrativ, zählt Wortmann auf und fügt an: „Ich glaube, das Soziale ist für viele noch wichtiger als das Spiel selbst.“ Auch als Vater-Sohn-Spiel sei Tischfußball perfekt. Für dauerhaften Spielspaß sei es aber wichtig, sich einen vernünftigen Tisch zu kaufen. Die der guten Anbieter gingen in Heim-Editionen bei rund 500 Euro los. „Klong“, „klong“, „klong“. Ich bin chancenlos.

Im Hafen zieht der Kickertisch an diesem Nachmittag derweil viele Blicke auf sich. In Wortmanns Rücken wiederholt sich dabei ein immergleiches Schauspiel. Passanten wollen stehenbleiben, vielleicht sogar auch eine Runde spielen. Dann macht es wieder „klong“, und die Leute drehen offenbar lieber ab, bei dem höllischen Tempo, mit dem der Ball immer und immer wieder in meinem Tor einschlägt. Ich aber habe Blut, oder in diesem Fall Kellerstaub geleckt. Bald bin ich wieder in der Kneipe. Links mit einem Bier, rechts mit dem Snake-Shot.

Startseite