1. www.wn.de
  2. >
  3. Münster
  4. >
  5. Aus Münster vertrieben

  6. >

Reihe „Gedenkblätter“ fand in der Synagoge statt

Aus Münster vertrieben

Münster

„Stolpersteine“ vor ihren einstigen Wohnstätten sollen daran erinnern, was Deutschland während der NS-Herrschaft mit ihnen gemacht hat – Menschen, zumeist jüdischen Glaubens, die verfolgt oder deportiert und in Lagern ermordet wurden. Sechs dieser Schicksale waren Thema bei der Jüdischen Gemeinde.

Klaus Möllers

An der Stubengasse, Hausnummer 4, lebte Adolf Hertz zusammen mit seiner Familie. Seit 1924 betrieb er einen Altmetallhandel. Wenige Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs starb der Münsteraner – er wurde im Januar 1945 im KZ Dachau erschossen.

Dies ist Teil einer von sechs Lebensgeschichten, an die am Sonntag in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde erinnert wurde. „Gedenkblätter“ heißt die Reihe mit Kurzbiografien von Bürgern auch aus Münster und dem Münsterland, die unter Verfolgung während der NS-Herrschaft litten. An jeden von ihnen wird in seiner Heimatstadt mit einem „Stolperstein“ gedacht.

„Wer hatte noch den Mut, in einer großen Stadt wie Münster mit einem Juden Handel zu treiben?“, fragte Hubertus Breider in seinem Beitrag über die Familie Hertz – mit Verweis auf Furcht vor dem NS-Regime und Gleichgültigkeit.

Adolf Herz war jüdischer Abstammung, seine Frau eine sogenannte Arierin. Als sie 1943 bei einem Bombenangriff starb, sei Hertz voll­ends „der Willkür der „Rassegesetze ausgeliefert“ gewesen, schilderte Breider. Er verlor sein Geschäft, das Haus, kam in das KZ Theresienstadt, dann nach Auschwitz, später nach Dachau.

Sharon Fehr, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, betonte, dass die „Gedenkblätter“ – die privat von den Rednern vorbereitet wurden – bewusst am vergangenen Wochenende verlesen werden sollten. „Sonst findet die Reihe am Geschichtsort Villa ten Hompel statt, nun einmal bei uns“, so Fehr.

Denn am 11. Dezember 1941 wurden in der einstigen Gaststätte „Gertrudenhof“ über 400 jüdische Menschen eingesperrt und zwei Tage später „in Viehwaggons“, so Fehr, in das Ghetto Riga gebracht. „Die Menschen mussten eine Nacht über in den Waggons warten und konnten sich vorher keine wärmenden Sachen mitnehmen. Welche Tortur muss sich allein schon auf dem Güterbahnhof in Münster abgespielt haben?“

Otto Gertzen berichtete von einem weiteren Schicksal in Münster: Dr. Georg Stefansky, promovierter Literaturwissenschaftler und gelernter Mediziner, lehrte seit 1929 an der Uni Münster. Die Rassegesetze führten zu seiner Entlassung, Stefansky emigrierte in die USA, erzählte Gertzen. Selbst in den 50er-Jahren noch habe sich die Uni gegen eine Wiederanstellung gesperrt.

Startseite
ANZEIGE