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Ausstellung in der Bezirksregierung

Vergessenen NS-Opfern begegnen

Münster

Die großen Linien der nationalsozialistischen Terrorherrschaft sind weitgehend bekannt. Sie auf lokale Geschichte und individuelle Schicksale herunterzubrechen, ist indes nicht immer einfach. Einer neuen Ausstellung versucht genau das.

Peter Schilling in der Ausstellung „Vergessenen begegnen – NS-Opfer aus dem Münsterland“, die im Februar bereits probeweise in der Bezirksregierung am Domplatz aufgebaut worden war. Foto: Christine Bertels

Am Montag (30. Mai) wird um 17 Uhr in der Bezirksregierung Münster am Domplatz die Ausstellung „Vergessenen begegnen – NS-Opfer aus dem Münsterland“ von Regierungspräsidentin Dorothee Feller eröffnet. Gestaltet und konzipiert wurde sie von Studierenden für Design der Fachhochschule unter Leitung von Professorin Claudia Grönebaum.

„Ihr Thema war die Ausstellungsgestaltung in Form eines Informations- und Orientierungssystems zur Geschichte“, so Ausstellungsinitiator Peter Schilling in einer Pressemitteilung. Sie führen durch verschiedene Ausstellungsstationen in ein oft vergessenes Kapitel der NS-Geschichte: Was passierte mit weniger bekannten Opfergruppen unter dem Hakenkreuz in Münster?

Karteikarten eines mörderischen Systems

Zum Beispiel mit Anna Lübke. Die münsterische Sinti-Familie Lübke verlor fünf Familienmitglieder, die als sogenannte „Zigeuner“ von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Wegen der unzähligen Erlasse, Bestimmungen und Gesetze der Nazis zur Ausgrenzung, Inhaftierung und Ermordung sind Schubladen mit Karteikarten in überdimensionalen Aktenschränken wichtige Informationsträger der Ausstellung.

Von der Decke hängen zudem Fahnen für jedes der vorgestellten persönlichen Schicksale über einem Schreibtisch mit einer Glasplatte, unter der persönliche Andenken und Erinnerungen sichtbar werden. Darauf ausliegende Mappen bieten Anhaltspunkte zu den Personen, heißt es weiter.

Faktenlage nicht immer leicht zu ermitteln

Die Faktenlage war nicht für alle dargestellten Opfer leicht zu ermitteln. Das haben auch die Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Mitte erfahren, die eine 112-seitige Broschüre mit dem Titel „Vergessenen begegnen“ über die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe der Verfolgung weit über die Einzelschicksale hinaus erstellt haben.

„Kann bei einer Ausstellung über den Nationalsozialismus überhaupt noch etwas Neues gezeigt werden?“: Diese Frage konnten die Lehrkräfte Julia Börger und Dirk Männicke mit ihrem Geschichts-Zusatzkurs des Abiturjahrgangs 2022 ganz konkret beantworten.

Sie stellen in einer Lesung von Gedenkblättern am 14. Juni (Dienstag), 19 Uhr, im Geschichtsort Villa ten Hompel auch die Geschichte der beiden deportierten Familien Wagner aus dem Kuhviertel vor. Im März 1943 wurden 15 Personen der Wagners ins „Zigeunerlager“ Ausschwitz-Birkenau gebracht und vernichtet.

Begleitprogramm zeigt detailliert Einzelschicksale

Im Begleitprogramm zur Ausstellung stellen auch Nachfahren wie der ehemalige FAZ-Redakteur und Frankfurter Pressesprecher Nikolaus Münster das Schicksal seines Vaters, des Chemikers Arnold Münster (2. Juni, 19 Uhr, Villa ten Hompel), oder Barbara Stellbrink-Kesy, die Großnichte von Irmgard Heiss, ihre Großtante vor (8. Juni, 19 Uhr, Bezirksregierung, Saal 1).

Die Ausstellung ist Ergebnis einer umfassenden Zusammenarbeit der Fachhochschule für Design mit dem Verein Spuren finden und der Bezirksregierung. Sie ist bereits im Februar erstmals für wenige Tage aufgestellt worden, war aber wegen der Corona-Pandemie nicht für ein größeres Publikum zugänglich.

Die Ausstellung ist bis 17. Juni montags bis freitags von 8 Uhr bis 16 Uhr zu sehen. Circa einstündige Führungen, etwa für Schulklassen, können mit Peter Schilling vereinbart werden (pmschilling@t-online.de).

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