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Prozess am Landgericht Münster

Neurochirurg angeklagt: Behandlungsfehler oder OP-Risiko?

Warendorf / Münster

Die Schwurgerichtskammer muss urteilen: Hat ein Neurochirurg bei einer Hirn-OP Fehler gemacht?

Von Eva-Maria Landmesser

Behandlungsfehler oder allgemeines Operationsrisiko? Das muss das Landgericht in einem aktuellen Fall klären. Foto: Frank Zimmermann

Behandlungsfehler oder allgemeines Operationsrisiko? Um diese Frage dreht sich ein Strafverfahren gegen einen 58-jährigen Neurochirurg aus Warendorf, das seit dieser Woche vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Münster verhandelt wird. Er hatte im August 2016 eine wegen eines Hirntumors indizierte Operation an einer mittlerweile verstorbenen Patientin in einem Münsteraner Krankenhaus durchgeführt.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Oberarzt vor, eine wegen der Vorerkrankung der Patientin ungünstige Operationsposition gewählt zu haben, was die bei der OP erlittene Luftembolie im Kleinhirn unnötig begünstigt haben soll. So hatte sich im Rahmen der Voruntersuchung herausgestellt, dass bei der Patientin ein Persistierendes Foramen ovale vorlag. Dabei handelt es sich um eine Verbindung zwischen dem rechten und linken Vorhof im Herzen, durch die es möglich ist, dass Blut aus dem venösen in das arterielle Kreislaufsystem übertritt. Dies wird dann gefährlich, wenn das venöse Blut Luft enthält, da dann Schlaganfälle oder Hirninfarkte entstehen können.

Vorerkrankung erhöhte das Risiko einer Embolie

Wie die Luft in das venöse Kreislaufsystem der Patientin gelangt ist, konnte bislang nicht aufgeklärt werden. Es ist jedoch möglich, dass dies bei der Schädelöffnung oder bei der Operation am Kleinhirn geschah. Der Vorwurf der ungünstigen Operationsposition richtet sich gegen den Umstand, dass der Neurochirurg den Eingriff an der Patientin in halbsitzender Position durchführte. Diese führt dazu, dass ein Unterdruck im Schädel entsteht und Luft geradezu angezogen wird. Gleichwohl wurde bei der Patientin eine Sonde hinter dem Herzen eingesetzt, um einströmende Luft anzuzeigen.

Zudem verteidigte sich der 58-Jährige dahingehend, dass die sitzende Operationsposition auch bei der entsprechenden Vorerkrankung nicht unüblich ist. Insbesondere hinsichtlich des diagnostizierten Tumors, der zum Zeitpunkt der ersten Operation noch sehr klein war und sehr tief im Hirn lag, sei die sitzende Position vorteilhaft gewesen, da sich durch das leicht herabgesunkene Hirn mehr Platz für den Eingriff ergeben habe.

Bei einer Operation in Bauchlage entstehe hingegen so viel Druck, dass „das Hirn regelrecht herausquillt“, wie die als Zeugin geladene Chefärztin der Neurochirurgie erklärte. Sie entlastete den 58-Jährigen auch hinsichtlich des zweiten Vorwurfs. So wurde beim Eingriff letztlich nicht der Tumor entfernt, sondern Hirngewebe, dass keine Tumorzellen aufwies. Die Chefärztin, die die zweite Operation an der Patientin durchführte, erklärte, dass der Tumor zum Zeitpunkt des ersten Eingriffs noch nicht mit bloßem Auge zu erkennen war. Zudem bestätigte sie den Warendorfer in seinem Vorbringen, dass sich bei der vorherigen Markierung durch bildgebende Verfahren Abweichungen ergeben können und der eigentliche Tumor verfehlt werde.

Chefärztin mit entlastenden Aussagen

Gegen den dritten Vorwurf der Staatsanwaltschaft und insbesondere der drei Nebenkläger, dass die Patientin nicht ausreichend über die möglichen Risiken des Eingriffs, insbesondere hinsichtlich ihrer Vorerkrankung, aufgeklärt wurde, verteidigte sich der Oberarzt mit dem Hinweis, dass die Aufklärungsgespräche nicht vom ihm, sondern von Assistenzärzten durchgeführt wurden.

Diesbezüglich werden noch weitere Zeugen gehört. Am Mittwoch (15. Juni) wird der Prozess fortgesetzt.

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