1. www.wn.de
  2. >
  3. Münster
  4. >
  5. „Beim ersten Verdacht Hilfe holen“

  6. >

Alex-Talk zu Depressionen im Alter

„Beim ersten Verdacht Hilfe holen“

Münster

Um Depressionen im Alter ging es diesmal beim Alex-Talk. Experte Dr. Michael Enzl hatte für die Zuhörerinnen und Zuhörer eine gute Nachricht dabei: Diese seien genauso gut behandelbar wie Depressionen in jüngeren Jahren.

Im Gespräch mit unserem Redakteur Stefan Werding (r.) gab Dr. Michael Enzl, Alexianer-Oberarzt der Damian-Klinik für Psychotherapie und Gerontopsychiatrie, einen umfassenden Überblick über die Besonderheiten der Altersdepression. Foto: A. Große Wöstmann

„Depressionen im Alter sind genauso gut behandelbar wie solche in jüngeren Jahren, und der Erfolg der Behandlung steht dem bei jüngeren Patienten in keiner Weise nach.“ Mit diesem positiven Fazit ermunterte Dr. Michael Enzl am Ende seines Vortrages seine Zuschauer, nicht unnötig die teils erheblichen Einbußen an Lebensqualität tatenlos hinzunehmen, sondern sich möglichst schon beim ersten Verdacht einer depressiven Erkrankung frühzeitig Hilfe zu holen.

Im Gespräch mit unserem Redakteur Stefan Werding erläuterte der Oberarzt der Damian Klinik für Psychiatrie und Gerontopsychiatrie die Besonderheiten der Altersdepression, die sich sowohl in der Symptomatik als auch in der Behandlung zeigten. „Unsere Patientinnen und Patienten gehören zu einer Generation, in der psychische Erkrankungen leider noch immer mit viel Scham besetzt sind, wenngleich sich in den letzten Jahren sehr viel getan hat“, betonte Enzl.

Körperliche Beschwerden Symptome für Depression

Folglich sei ihr erster Weg oft der zum Hausarzt, in der viele häufig „nur“ über ihre vielfältigen körperlichen Symptome klagten wie etwa Kopf- oder Rückenschmerzen, Atemnot, Herzbeschwerden oder Schlafstörungen. „In der Tat können diese Symptome auch erste Anzeichen einer Depression sein“, unterstreicht Enzl. „Die Rückfrage nach gedrückter Stimmung oder Antriebslosigkeit verneinen die Betroffenen dann allerdings vehement aus Angst, neben vielen körperlichen Einbußen könne nun auch „im Kopf noch etwas los sein“.

Insgesamt seien so rund 60 bis 70 Prozent der Betroffenen mit ihrer „versteckten Depression“ in hausärztlicher Behandlung, und nur etwa zehn Prozent von ihnen würden gezielt antidepressiv behandelt. „Folglich sehen wir in unserer Klinik oft nur die Spitze des Eisbergs“, geht Enzl von einer hohen Dunkelziffer aus.

Männern fällt Behandlung oft schwer

Insbesondere Männern falle die Überwindung zu einer diagnostischen Abklärung wie später auch zur Behandlung noch immer schwer: „Eine psychische Erkrankung widerspricht ihrem männlichen Selbstverständnis, dass bei ihnen oft viel deutlicher von funktionierender Leistungsfähigkeit, beruflicher Anerkennung und Stärke geprägt ist.“

Dass die Behandlung der Altersdepression viel Umsicht und Fingerspitzengefühl erfordere, manifestiere sich auch an den häufig parallel vorliegenden körperlichen Erkrankungen: „Es gibt viele körperliche Erkrankungen, die eine Depression verschlimmern können und somit immer bei uns in der Gerontopsychiatrie mit überprüft werden“, so Enzl.

Einfluss auf Genesungsprozess

Umgekehrt hätten depressive Störungen einen erheblichen Einfluss auf den Genesungsprozess von körperlichen Erkrankungen. „Der Rehabilitationsprozess nach Schlaganfällen oder Herzinfarkten ist bei gleichzeitig bestehender Depression erheblich verzögert, das Risiko eines erneuten Herzinfarkts oder Schlaganfalls deutlich erhöht“, so Enzl.

Aber auch die Abgrenzung zu einer beginnenden oder bestehenden Demenz gehöre bei der Altersdepression häufig zur begleitenden Diagnostik: „So zählen Konzentrations- und Gedächtnisstörungen bei rund 90 Prozent der Betroffenen zu den Ne­ben-Symptomen einer Depression.“

Nicht nur zu vielen Einzelfragen der Zuschauer, sondern auch zum Thema Vorbeugung hatte der Experte hilfreiche Antworten: „Stellen Sie im Hinblick auf geliebte Hobbys, Leidenschaften und soziale Aktivitäten frühzeitig und aktiv die Weichen fürs Alter, dann haben Sie schon viel für einen dauerhaften Erhalt ihrer Lebensfreude getan.“

Startseite
ANZEIGE