1. www.wn.de
  2. >
  3. Münster
  4. >
  5. LVM hatte "besondere Nähe zum NS-Regime"

  6. >

Historiker haben Geschichte im „Dritten Reich“ erforscht

LVM hatte "besondere Nähe zum NS-Regime"

Münster

Die LVM-Versicherung hat die Geschichte ihres Unternehmens in der NS-Zeit untersuchen lassen. Die Ergebnisse sind jetzt öffentlich vorgestellt worden. Danach hatte die LVM im „Dritten Reich“ eine „besondere Nähe zum NS-Regime“.

Von Martin Kalitschke

Regelmäßige Betriebsappelle und eine Hakenkreuzbeflaggung bei verschiedenen Anlässen prägten den damaligen LVM-Arbeitsalltag ebenso wie die Einsetzung eines Betriebsobmanns der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und die Bildung eines Vertrauensrats. Foto: Hist. LVM-Unternehmensarchiv

Die LVM-Versicherung hatte zwischen 1933 und 1945 eine besondere Nähe zum NS-Regime – gehörte aber gleichwohl nicht zu jenen Unternehmen, die während des „Dritten Reichs“ schwere Verbrechen begangen haben. Zu dieser Einschätzung kommt der Historiker Prof. Dr. Johannes Bähr, der im Auftrag der LVM die Geschichte der Versicherung während der NS-Zeit untersucht hat.

Am Mittwochabend stellte er seine Forschungsergebnisse im Rahmen eines öffentlichen digitalen Vortrages vor.

LVM war ein recht kleines Unternehmen

Als die Nazis an die Macht kamen, war die LVM ein kleines Unternehmen mit nur 80 Mitarbeitern, die von rund 800 nebenberuflichen Vertrauensleuten in Westfalen unterstützt wurden. Das Versicherungsangebot war überschaubar: Die LVM – die damals „Versicherungsverein gegen Haftpflicht für Landwirthe der Provinz Westfalen“ hieß – war ein Haftpflicht-, Vieh- und Kraftfahrt-Versicherer ausschließlich für Landwirte sowie landwirtschaftliche Nebenbetriebe, Vereine und Genossenschaften.

Unmittelbar nach der „Machtergreifung“ wurden Aufsichtsrat und Vorstand gleichgeschaltet. Zwischen 1933 und 1945 gehörten sieben von elf Aufsichtsratsmitgliedern sowie sieben von zehn Aufsichtsratsmitgliedern der NSDAP an, teilweise sogar der SS, so Bähr. Die hauptamtlichen Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer waren bis zuletzt keine Parteimitglieder.

„Nicht an Ausgrenzung von Juden beteiligt“

Gleichwohl sei das Unternehmen nicht an der Ausgrenzung oder Verfolgung von Juden beteiligt gewesen. Denn bereits vor 1933 konnten sich hier nur Mitglieder des Westfälischen Bauernvereins versichern – und die mussten Christen sein. Juden waren nicht als Mitglieder zugelassen, erläuterte Bähr weiter.

Während der NS-Zeit stieg die Zahl der LVM-Mitglieder, da die Zahl der Autobesitzer und damit der Kfz-Versicherten zunahm. Nach 1945 konnte das Unternehmen den Geschäftsbetrieb fast nahtlos weiterführen, alle politisch belasteten Mitglieder schieden aus Vorstand und Aufsichtsrat aus.

Vorstandschef: „Stellen uns der Schuld“

Als „kritisch“ bewertet Bähr die frühzeitige ideologische und strukturelle Gleichschaltung in der LVM bereits ab 1933. Eine Folge: Die 1936 in Kraft getretene Betriebsordnung schwor „alle im Betriebe beschäftigen Personen“ auf das nationalsozialistische Gedankengut ein, die Mitarbeiter („Gefolgschaft“) wurden zu „Gehorsam und Treue“ verpflichtet. Damit, so Bähr, ging die Betriebsordnung noch über den zu dieser Zeit üblichen Rahmen hinaus.

Die LVM habe sich am Unrecht jener Zeit beteiligt, so Vorstandschef Dr. Mathias Kleuker. Dieser Schuld stelle sich das Unternehmen.

Startseite