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Vorstellung der Studie zum Missbrauch im Bistum Münster

Betroffene äußern sich öffentlich

Münster

Die Studie zum Missbrauch im Bistum Münster ist am Montagabend im Schloss sowie per Livestream öffentlich vorgestellt worden. Bei anschließenden Fragen wird deutlich, wie das System der katholischen Kirche den Missbrauch begünstigt.

Von Björn Meyer

Viele Menschen wohnten am Montagabend in der Aula des Schlosses der öffentlichen Vorstellung der Studie zum Missbrauch Jugendlicher im Bistum Münster bei Foto: Oliver Werner

Als am Montagabend in der Aula des Schlosses die Studie zur „Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker im Bistum Münster“ vorgestellt wird, da ist auch Bischof Dr. Felix Genn unter den Gästen. Lediglich als Zuhörer, wie Universitätssprecher Norbert Robers ausdrücklich betont. So bleibt offen, wie Genn sich an – und vor allem nach diesem Abend fühlt.

Anhören muss er sich jedenfalls einiges. Über die Verfehlungen seiner Glaubensbrüder, über seine eigene Schwächen – und nicht zuletzt die Frage, nach der Notwendigkeit seines Rücktritts und des Rücktritts von Weihbischof Stefan Zekorn, die ein Besucher den Forschern stellt.

Besucher und Internetnutzer stellen Fragen

Mehrere Hundert Menschen sind an diesem Abend in die Aula gekommen und verfolgen die rund 50-minütige Vorstellung der Studie durch die Wissenschaftler um Prof. Dr. Thomas Großbölting und Prof. Dr. Klaus Große Kracht. Im Internet-Livestream lauschen noch weitaus mehr dem Geschehen. Als es schließlich die Möglichkeit gibt, Fragen zu stellen, melden sich viele zu Wort. Gleich zu Beginn ein Mann, der angibt, selbst Betroffener von Missbrauch in der Kirche geworden zu sein. Er fordert ein individuelles Recht auf Aufarbeitung und Unterstützung dabei durch den Staat.

Ein anderer Mann, noch jung, widmet seine Frage dem Thema Prävention. „Können wir unsere Kinder noch in die Kirche schicken?“ fragt er. Großbölting sagt, dass man letztlich nicht wisse, ob es gefährlicher sei, Kinder zu den Messdienern zu schicken oder zu einem Sportverein. Man wisse schlicht zu wenig über sexuellen Missbrauch in der Gesellschaft.

Aber, eine indirekte Antwort auf die Frage taucht immer wieder während dieses Abends auf. So berichten die Forscher etwa, dass ihren Erkenntnissen nach wohl nur rund ein Drittel der Täter aus pädophiler Neigung heraus handelten. Weitaus häufiger sei das Tatmotiv demnach ein anderes. Dem klassischen Täter falle nach zehn Jahren in der Gemeinde auf, dass ihm etwas fehle. Liebe und körperliche Zuneigung etwa. „Was er bei Erwachsenen nicht findet, sucht er bei Kindern – weil er den Zugriff hat“, sagt Großbölting.

Dies ist eine an diesem Abend oft in Worte gefasste Anklage an den Umgang der katholischen Kirche mit Sexualität. „Bigotterie“, nennt Großbölting es mehrfach.

Anfangen in der pastoralen Situation

Und so sei es auch kein Allheilmittel, wenn heutzutage bei Priesteranwärtern und Priestern auf pädophile Neigungen geachtet werde. Prävention bedeute eher, die Kinder mit den Priestern nicht alleine zu lassen, also anzufangen in der pastoralen Situation.

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