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Interview zum Pfingstwunder - "Sprachen sind ein Geschenk"

Christine Dimroth erforscht Mehrsprachigkeit

Münster

Das christliche Pfingstfest beruft sich auf ein Wunder, das  im Neuen Testament  beschrieben wird: Dank des Heiligen Geistes  waren alle Apostel in der Lage, plötzlich in fremden Sprachen zu sprechen. Pfingsten ist damit ein Fest  der Vielsprachigkeit – und damit kennt sich Prof. Dr. Christine Dimroth aus.

Karin Völker

Prof. Dr. Christine Dimroth erforscht Vielsprachigkeit. Foto: Stefan Müller

Die Sprachwissenschaftlerin von der Universität Münster leitet am Fachbereich Germanistik das Centrum für Mehrsprachigkeit und Spracherwerb. Sie selbst ist in ihrem Fachgebiet durchaus Vorbild: Neben ihrer Muttersprache Deutsch spricht sie  Englisch, Französisch, Niederländisch, Polnisch und etwas Spanisch, wie sie im Interview mit Redakteurin Karin Völker verriet.

Sie sprechen sechs Sprachen –  wie viele  verschiedene Sprachen gibt es überhaupt auf der Welt?

Dimroth: Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Man schätzt, es sind etwa 6500. Viele sind schon ausgestorben, und es werden weiter weniger.

Warum sterben Sprachen aus?

Dimroth: Die Frage, ob eine Sprache überlebt, ist  auch immer eine der Macht, vor allem der wirtschaftlichen Macht, und eben auch die Folge politischer Entwicklung. Nur ein Beispiel: Im früheren Jugoslawien  gab es eine Sprache namens  Serbokroatisch, dafür gab es auch Wörterbücher. Heute gibt es entweder Serbisch oder Kroatisch ...

... obwohl beide dieselbe Sprache sind?

Dimroth: Das ist schwer zu sagen – wie es überhaupt kaum möglich ist, zu definieren, was eine Sprache ist und was eine Mundart, ein Dialekt. Wenn ein Marsmännchen auf die Erde käme und Sprachen unterscheiden müsste, ohne die  politischen Grenzen zu kennen, würde es wahrscheinlich zu ganz anderen Einteiligungen kommen, als sie uns vertraut sind.

Was würde der Marsianer bei uns in Deutschland feststellen?

Dimroth: Er würde möglicherweise die norddeutschen Mundarten, das Plattdeutsch, eher mit den Niederlanden als gemeinsamen Sprachraum verstehen und Süddeutschland mit seinen Dialekten als einen davon getrennten. Dann hätte das Plattdeutsche sicher ein andere Bedeutung als jetzt.

Werden wir uns in hundert Jahren ohnehin nur noch alle auf Englisch unterhalten?

Dimroth: Englisch ist zweifelsohne die mächtigste Sprache weltweit. Und zuerst einmal ist es doch positiv, dass es eine Sprache gibt, die es ermöglicht, dass sehr viele Menschen auf der ganzen Welt miteinander reden können.

Sorgt die Dominanz des Englischen nicht dafür, dass viele andere Sprachen aussterben?

Dimroth: Die meisten Menschen sprechen Englisch doch als Zweitsprache neben ihrer Muttersprache, ähnlich wie Latein im Mittelalter. Natürlich wäre es schöner, wenn eine solche allgemeine Sprache für alle Menschen etwa so etwas wäre, wie die Kunstsprache Esperanto. Aber das hat sich ja nicht durchgesetzt.  Ein gewisses Problem ist die große Macht des Englischen in den englisch sprechenden Ländern selbst. In Großbritannien zum Beispiel kommt dem Fremdsprachenunterricht in der Schule ein weniger großes Gewicht zu, als es etwa bei uns in Deutschland selbstverständlich ist.

Fremdsprachen gelten als schwierige Schulfächer – haben Sie den Eindruck, dass auch in unseren Schulen weniger Sprachen gelernt werden, weil es ja reicht, Englisch zu können?

Dimroth: Nein, die Vorliebe für Sprachen ändert sich nur. Heute lernen gar nicht wenige Schüler Chinesisch –  vor etlichen Jahren war das absolut exotisch. Hier zeigt sich sehr deutlich, dass wirtschaftliche Macht auch Sprachen stärkt. Grundsätzlich gibt es in unseren Klassenzimmern durch die Zuwanderung  auch viel mehr Sprachen als früher. Ein Drittel aller Kinder wachsen in Familien auf, in denen mindestens eine andere Muttersprache gesprochen wird. Nur hat in unserer Gesellschaft Türkisch ein weniger hohes Prestige als etwa Französisch. Sprachen haben auch immer einen sozialen Marktwert.

Welche Vorteile haben Kinder, wenn sie mit mehreren Sprachen aufwachsen?

Dimroth: Mit der anderen Sprache erleben sie auch die unterschiedliche Kultur. Und es ist erweisen, dass Kinder, die zweisprachig aufwachsen, auch weitere Sprachen leichter lernen.

Sollten Eltern ihre Kinder mehrsprachig erziehen?

Dimroth: Wenn das Umfeld es hergibt, ist das nur vorteilhaft. Bis zum Alter von etwa drei oder vier Jahren lernen Kinder eine zweite Sprache praktisch wie die erste, und auch später ist  das Sprachenlernen noch möglich ohne Grammatik oder Vokabeln üben zu müssen. Wenn es geht, sollte man Kindern das Geschenk einer zusätzlichen Sprache unbedingt machen. Platz ist genug in den Köpfen.

Besteht nicht die Gefahr, dass das Kind am Ende ein Kauderwelsch aus mehreren Sprachen spricht?

Dimroth: Kinder lernen  automatisch, die Sprachen zu trennen. Natürlich enthalten Sätze manchmal Wörter aus beiden Sprachen – aber es ist ja auch Ausdruck von der Vitalität einer Sprache, wenn sie sich wandelt und neue Worte einwandern. Auch deutsche Ausdrücke sind ja in anderen Sprachen gängig: Kindergarten, Rucksack ...

Deutsch gilt als schwere Sprache. Müssen wir uns trotzdem keine Sorgen machen, dass es auf dem Rückzug ist?

Dimroth: Absolut nicht, Deutsch ist eine mächtige Sprache mit vielen Sprechern. Und es wird auch viel gelernt – in Südeuropa sind die Kurse aktuell stark nachgefragt weil viele junge Leute sich eine berufliche  Perspektive in Deutschland erhoffen. Auch daran sieht man, dass die Entwicklung der Sprachenvielfalt eine wirtschaftlich-politische Dimension hat.

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