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Nach Vorwürfen

Cullen bleibt außerplanmäßiger Professor der Universität Münster

Münster

Die Entscheidung ist gefallen: Prof. Dr. Paul Cullen bleibt außerplanmäßiger Professor der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU). Der AStA und die „Kritischen Mediziner*innen“ hatten dem Arzt und Leiter des MVZ-Labors Vorwürfe gemacht und den Entzug seiner außerplanmäßigen Professur gefordert. Die Medizinische Fakultät begründet, warum Cullen seinen Titel behält - außerdem reagierten beide Seiten mit Statements. 

Pjer Biederstädt

Prof. Dr. Paul Cullen bleibt außerplanmäßiger Professor der WWU Foto: Oliver Werner

In der Stellungnahme der Medizinischen Fakultät heißt es, dass die Vorwürfe des AStA und den „Kritischen Mediziner*innen“ untersucht worden seien. Über die Argumentationsweisen, mit denen Prof. Cullen seine Meinungen vertritt, könne man ebenso streiten wie über die Positionen selbst, die er zu den oben genannten Themen einnimmt, heißt es dort.

„Das von der Rechtsordnung vorgesehene Mittel der Reaktion auf kontroverse Meinungen ist das des gesellschaftlichen Diskurses und des Streits der Meinungen und nicht die rechtliche Sanktion.“ Dieser Grundsatz gelte für eine große Bandbreite von Äußerungen einschließlich solcher Beiträge, die sich einer tendenziösen Gedankenführung und fragwürdigen Wortwahl bedienten, heißt es weiter.

Aberkennung kommt nicht in Betracht

Die Meinungsäußerungsfreiheit sei konstitutiv für eine freiheitlich-demokratische Grundordnung und es verbiete sich, bei der Bestimmung ihres Schutzbereichs nach „guten“ und „schlechten“ Meinungen oder ausgewogenen und unausgewogenen Begründungen zu differenzieren, schreibt die Medizinische Fakultät.

Die Aberkennung der Bezeichnung „Außerplanmäßiger Professor“ komme vor diesem Hintergrund nicht in Betracht. „Voraussetzung für eine solche wäre wissenschaftliches Fehlverhalten, zum Beispiel eine erhebliche, fahrlässige oder vorsätzliche Falschdarstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse; dieses ist nicht gegeben.“

Statement von Cullen

Gegenüber unserer Zeitung äußerte sich Cullen nach der Entscheidung wie folgt: „Vielfalt, Offenheit, Meinungsfreiheit, freiheitlich-demokratische Grundordnung. Ich freue mich sehr, dass die medizinische Fakultät diese Prinzipien heranzieht, um der Forderung des AStA nach meiner Entlassung und damit der an Universitäten grassierenden „Cancel Culture“ klar zu widersprechen.“

Er sagte, er stehe weiter jedem für einen wissenschaftlichen Diskurs über seine Meinungen zur Verfügung. "Auch dem AStA, der gar nicht diskutieren, sondern andere Meinungen lieber von der Uni verbannen will." In seiner Vorlesung über klinische Chemie werde es auch weiterhin nicht um Abtreibung gehen, so Cullen.

Das sagen AStA und "Kritische Mediziner*innen"

"Wir freuen uns, dass die Universität sich mit der Thematik auseinandergesetzt hat. Dass die medizinische Fakultät die kritische Auseinandersetzung mit Cullens Äußerungen begrüßt und seine tief problematische Gedankenführung und Wortwahl erkennt, bestärkt uns in unserem Anliegen", teilen AStA und "Kritische Mediziner*innen" auf Anfrage unserer Zeitung mit.

Weiter heißt es: "Es macht uns allerdings betroffen, dass die Fakultät sich nach wie vor nicht zu den antisemitischen Aussagen Cullens verhält." In ihrer Reaktion ignoriere die Fakultät, dass es Aussagen gebe, die nicht unter den Schutz der freien Meinungsäußerung fielen, wenn sie menschenfeindliches Gedankengut enthielten, heißt es. "Dazu hätten wir uns eine Positionierung gewünscht."

AStA und Kritische Mediziner*innen kündigten für Dienstag ein ausführliches Statement zu der Entscheidung an.

Die Stellungnahme der Medizinischen Fakultät im Wortlaut

Zum Statement von AStA und kritische Mediziner*innen zu Dr. Paul Cullen, Außerplanmäßiger Professor der Medizinischen Fakultät der WWU Münster, und dessen Äußerungen zu Themen wie Schwangerschaftsabbruch und Corona-Impfung sowie zu Perspektiven als Vorsitzender des Vereins „Ärzte für das Leben e.V.“ auf „gesellschaftliche Verhältnisse“ nimmt die Medizinische Fakultät wie folgt Stellung:

Die Medizinische Fakultät der WWU Münster hat die kritisierten Äußerungen untersucht, die Prof. Cullen außerhalb seiner Lehrveranstaltungen an der Fakultät bei unterschiedlichen Anlässen und in verschiedenen Formaten insbesondere zum Thema des Schwangerschaftsabbruchs, der Corona-Impfung oder zur Positionierung des Vereins „Ärzte für das Leben“ im gesellschaftlichen Diskurs verlautbart hat.

Über die Argumentationsweisen, mit denen Prof. Cullen seine Meinungen vertritt, kann man ebenso streiten wie über die Positionen selbst, die er zu den oben genannten Themen einnimmt. Das von der Rechtsordnung vorgesehene Mittel der Reaktion auf kontroverse Meinungen ist das des gesellschaftlichen Diskurses und des Streits der Meinungen und nicht die rechtliche Sanktion. Dieser Grundsatz gilt für eine große Bandbreite von Äußerungen einschließlich solcher Beiträge, die sich einer tendenziösen Gedankenführung und fragwürdigen Wortwahl bedienten. Die Meinungsäußerungsfreiheit ist konstitutiv für eine freiheitlich-demokratische Grundordnung und es verbietet sich, bei der Bestimmung ihres Schutzbereichs nach „guten“ und „schlechten“ Meinungen oder ausgewogenen und unausgewogenen Begründungen zu differenzieren.

Die Aberkennung der Bezeichnung „Außerplanmäßiger Professor“ kommt vor diesem Hintergrund nicht in Betracht. Voraussetzung für eine solche wäre wissenschaftliches Fehlverhalten, zum Beispiel eine erhebliche, fahrlässige oder vorsätzliche Falschdarstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse; dieses ist nicht gegeben.

Auch liegen der Medizinischen Fakultät keine Belege dafür vor, dass Prof. Cullen seine privaten Ansichten in unzulässiger Weise in seine Lehre an der WWU einfließen lässt und damit Privates mit den Verpflichtungen aus der außerplanmäßigen Professur vermischt.

Die Meinungen und Argumente von Prof. Cullen sind Gegenstand kritischer Diskurse in Fachkreisen und Gesellschaft. Die Medizinische Fakultät der WWU begrüßt die kritische Auseinandersetzung mit den Äußerungen von Prof. Cullen. Sie sieht es aber nicht als sachgerecht an, als Institution, die natürlich für Wissenschaftsfreiheit, aber auch für Vielfalt und Offenheit steht, Meinungen der Fakultät zu formulieren und als Institution an den Diskursen teilzunehmen. Die Medizinische Fakultät der WWU ist selbstverständlich ebenso den verfassungsrechtlichen Wertentscheidungen verpflichtet, die auch Vielfalt und Offenheit Grenzen setzen und ein entschiedenes Eintreten zum Beispiel gegen Antisemitismus oder Geschlechterdiskriminierung fordern. Gleichermaßen tritt sie für ein respektvolles Miteinander innerhalb der Gesellschaft ein.

In der Debatte um Cullen, die seit etwa einem Monat andauert, hatten Studierende Unterschriftenaktionen für und gegen den Entzug der außerplanmäßigen Professur des Mediziners im Internet gestartet. Cullen hatte außerdem angeboten, die Studierenden über seinen Verbleib offiziell abstimmen zu lassen.

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