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Gedenkstunde in der Synagoge

„Das Böse kommt langsam“

Münster

Vor 78 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen – auch in Münster. Wachsamkeit sei gefordert, damit sich der Antisemitismus nicht erneut ausbreitet, betonten die Redner im Rahmen der Gedenkstunde.

Martin Kalitschke

Gedenken an den 9. November 1938: Festredner in der Synagoge war am Mittwochvormittag Prof. Dr. Lutz Doering, Leiter des Institutum Iudaicum Delitzschianum in Münster. Foto: Oliver Werner

Die Erinnerung an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 steht unter dem Eindruck einer US-Präsidentschaftswahl, deren Sieger von „Deportationen“ fantasierte und im Wahlkampf gleich ganze Bevölkerungsgruppen mit Hass überzogen hat.

Die halbe Nacht habe er vor dem Fernseher verbracht, berichtet der Vorsteher der Jüdischen Gemeinde, Sharon Fehr. „Ich hoffe, dass sich die vollmundigen Vorhaben des Rassisten und Sexisten Donald Trump nicht umsetzen lassen“, sagt er zu Beginn der alljährlichen Gedenkstunde in der Synagoge.

Auch Pfarrer Jürgen Hülsmann von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nimmt Bezug auf die Ereignisse der zurückliegenden Nacht: Er hoffe, dass Trumps Sieg nicht zu einer „Emotionalisierung des Politischen“ führen wird, sagt Hülsmann.

Im Mittelpunkt stehen freilich die Ereignisse vom 9. November 1938. Um 0.30 Uhr in der Nacht wurde damals die Synagoge in der Klosterstraße in Brand gesetzt. Die angerückten Feuerwehrleute wurden beschimpft und verprügelt, berichtet Fehr. „Nie wieder“: Dieser Satz sei nach der ­Shoah immer wieder gefallen. Doch nun befinde sich Deutschland erneut im Kampf gegen Antisemitismus und Fremdenhass. „Es kann einem bange werden“, so Fehr. Er appelliert, dass sich „jeder Tag für Tag“ positionieren sollte, damit sich die Geschichte nicht irgendwann wiederhole.

Regierungspräsident Dr. Reinhard Klenke bezeichnet es als „beste Opferehrung“, aus der Geschichte zu lernen. Das Dritte Reich habe vor Augen geführt, was passieren kann, wenn die Achtung vor der Würde anderer verloren geht. „Das Böse kommt langsam, wird erst toleriert, wächst dann immer weiter“, so Klenke. Eindringlich appelliert er, dem Hass keine Chance zu lassen.

Gastredner ist am Mittwochvormittag Prof. Dr. Lutz Doering, Leiter des Institutum Iudaicum Delitzschianum in Münster. Wie kann die Erinnerung an den Holocaust wach gehalten werden, wenn die Zeitzeugen sterben und die junge Generation ihre Lebensrealität in die digitale Welt verlegt? „Es reicht nicht aus, den Verfall der Jugend zu beklagen“, stellt er klar. Vielmehr gehe es darum, Wege zu finden, wie man junge Menschen mit Erinnerungsarbeit erreichen kann – über Twitter, durch Austauschprogramme, aber auch, indem man immer wieder davon erzähle, was einst im deutschen Namen geschah. Denn: „Antisemitismus und Antiisraelismus dürfen in Deutschland nicht geduldet werden“, stellt er klar. Den Verführern von heute sollte sich jeder in den Weg stellen: „Fangen wir also an“, appelliert Doering.

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