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WN-Spendenaktion: Förderverein Zentrales Nervensystem

Das Rettende der Kunst

Münster

Wer schwere Gehirnoperationen und deren Folgen zu überstehen hat, braucht oftmals psychologische Hilfe. Der Förderverein ZNS kann helfen, braucht dafür aber selbst Unterstützung.

Von Martina Döbbe

Linda Nalić, die sieben schwere Operationen überstanden hat, erzählt Prof. Dorothee Wiewrodt (r.) in einem Online-Meeting über ihr Kunstschaffen, das der Förderverein ZNS unterstützt. Foto: Döbbe

Sie erzählt. Lebhaft und mitreißend. Sie lacht. Fröhlich und ansteckend. Manchmal gestikuliert sie, nimmt ihre Hände zu Hilfe, um temperamentvoll zu unterstreichen, was ihr gerade durch den Kopf geht. Wenn Linda Nalić von ihrer Kunst spricht, von ihren Bildern, von Farben und Formen, dann ist sie in ihrem Element. Begeistert. Und glücklich.

Doch da gibt es auch noch eine andere Linda. Eine, die traurig ist, verzweifelt, ohne Hoffnung. Und die einfach nicht mehr daran glaubt, dass es in ihrem Leben noch einmal etwas Schönes gibt.

Die dritte Tumoroperation – jetzt im Nackenbereich

Es ist 2016. Zum dritten Mal muss die damals 42-Jährige im Universitätsklinikum Münster operiert werden. Zweimal war es ein Hirntumor, jetzt ist es ein Tumor im Nackenbereich. Sie erinnert sich: „Es ging mir richtig schlecht.“ Nach der OP habe sie zu Prof. Stummer gesagt: „Ich will das nicht mehr. Ich schaffe das nicht mehr. Ich habe einfach keine Kraft.“ Der Direktor der Klinik für Neurochirurgie am UKM, der sie operiert hat, handelt schnell. „Darf ich Ihnen jemanden schicken, der Sie unterstützt?“

„Geschickt“ hat er Dr. Dorothee Wiewrodt, Neurochirurgin und Psychoonkologin am UKM. „Sie hat für mich gleich im ersten Gespräch echte Hoffnungslichter gezündet“, sagt Linda Nalić rückblickend. Und sie lernt durch Wiewrodt, die sich im Förderverein ZNS (Zentrales Nervensystem) für Hirntumorpatienten engagiert, die Kunsttherapie kennen.

In der Bestrahlungszeit entsteht das erste Bild

In der fünfwöchigen Bestrahlungszeit entsteht ihr erstes Bild. Im Atelier von Monika Wigger, die damals als Kunsttherapeutin den Verein unterstützt. Anfangs ist Linda Nalić skeptisch. „Ich hatte nie das Bedürfnis zu malen, ich kann das gar nicht“, glaubt sie. Doch dann ist da ein riesiges leeres Blatt an der Wand, sie greift zu den Farben – und legt los. Sie malt ihre Wirbelsäule, ihren Tumor, gibt dem Bild ganz viel Grün, um ihre Hoffnung auszudrücken, und ordnet über allem die Hände ihres Arztes, Prof. Stummer an – als Symbol dafür „dass er alles in Schach hält“. Im Laufe der Zeit traut sie sich immer mehr zu, wagt sich an Collagen, experimentiert, versucht immer wieder, ihre Gefühle, ihre Ängste, aber auch die Hoffnung darin auszudrücken.

So wie sie erleben viele Hirntumor-Patienten die Kunsttherapie als Rettungsanker. Sie gibt die Möglichkeit, Kraft zu tanken, aber gleichzeitig ist sie auch ein Ventil, um Wut, Trauer, Verzweiflung über diese Erkrankung zu verarbeiten. Der Förderverein trägt die Kosten, hilft Patienten zudem finanziell, wenn sie sich Farben, Leinwand und Malutensilien nicht allein leisten können. Einmal monatlich wird eine Führung durch das Picasso-Museum angeboten, anschließend können die Teilnehmer dort vor Ort in der Werkstatt selbst kreativ werden.

Sieben schwere Operationen und 100 Bestrahlungen

Linda Nalić ist sehr dankbar für diese Veränderung in ihrem Leben: „Ich war total am Ende, fühlte mich überflüssig und unnütz. Ich kann nicht mehr arbeiten, wusste überhaupt nicht, wie es weitergehen soll.“ Sie hat sieben schwere Operationen hinter sich, über 100 Bestrahlungen, permanente Chemotherapie, die sie auch heute noch an Grenzen bringt. Aber sie vertraut darauf: „Mit der Kunst wächst jedes Mal wieder das Gesunde in mir.“

Und sie ist stolz, dass Bilder von ihr schon ausgestellt wurden, in einer Klinikambulanz und einer Praxis hängen: „Vielleicht kann ich damit auch anderen Menschen Mut machen.“ Unter ihrem Label Farbklatsch_Kunst können Interessierte die Palette ihrer Kunst durchblättern.

Sie freut sich über Resonanz, über Interesse an ihrer Arbeit. Vor allem aber freut sie sich über die Wende, die sie an einem Tiefpunkt ihres Lebens erlebt hat: „Sonst wäre ich vielleicht gar nicht mehr da“, sagt sie. In diesem Moment sehr ernst und sehr nachdenklich.

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