"Wilsberg" und "Tatort"

Das Super-Krimi-Wochenende aus Münster

Bielefeld/Münster

Krimifreunde können sich an diesem Wochenende auf gleich zwei TV-Krimis aus Münster freuen - fast. Denn während der Münster-Tatort "Lakritz" am Sonntag wie immer in der Westfalenmetropole spielt, ermittelt Privatdetektiv Georg Wilsberg am Samstag erstmals in Bielefeld.  

Florentine Dame

In der neuen Wilsberg-Folge "Ins Gesicht geschrieben" (links) ermitteln Alex Holtkamp (Ina Paule Klink) und Georg Wilsberg (Leonard Lansink) erstmals in Bielefeld. Im neuen Münster-Tatort "Lakritz" >(rechts) geht es um Professor Boernes (Jan Josef Liefers) Vergangenheit, die der Geruch von Lakritze wachruft. Foto: ZDF/ARD/WDR

Na endlich. Seit 25 Jahren wird Bielefeld in jeder Wilsberg-Folge erwähnt. Jetzt spielt der ZDF-Samstagskrimi (2. November) erstmals in Ostwestfalen. Der Münster-Tatort hingegen bleibt in der Westfalenmetropole und begibt sich dieses Mal (3. November) auf die Spuren von Boernes Jugend.

Die 64. Wilsberg-Folge hat einen fast 25 Jahre dauernden Vorlauf. In jeder seit 1995 ausgestrahlten Episode über den kauzigen und ständig klammen Privatdetektiv Georg Wilsberg wurde Bielefeld erwähnt - nur die wenigsten Zuschauer werden das bemerkt haben. Der ZDF-Krimi spielt eigentlich in Münster. Die Einwohner der beiden Oberzentren im Münsterland und Ostwestfalen verbindet eine immerwährende Rivalität. Martin R. Neumann ist der zuständige Redakteur beim ZDF. Als gebürtiger Bielefelder konnte er sich den Einbau der ständigen Erwähnung nicht verkneifen.

„Ins Gesicht geschrieben“

Und jetzt das. Die nächsten zwei Folgen spielen komplett in Bielefeld - rund 80 Kilometer entfernt von Wilsbergs Antiquariat. Los geht es am Samstag (ZDF, 20.15 Uhr) mit Folge 64 und dem Titel „Ins Gesicht geschrieben“. Dabei packen Dominic Müller (Regie) und Mario Sixtus (Drehbuch) ein brandaktuelles Eisen an. Es geht um Datenschutz und all das, was jeder freiwillig über sich im Internet preisgibt. Die App Face23 sammelt alles zusammen und spuckt Erschreckendes nach einem Gesichtsscan über die Person aus.

Sixtus, Grimme-Online-Preisträger 2007 für den Handelsblatt-Video-Blog „Elektrischer Reporter“, ist nicht nur Drehbuchschreiber, sondern auch Filmemacher und Journalist. Er weiß, dass der Stoff dieser Wilsberg-Folge keine Zukunftsvision ist, sondern längst Realität. Die Algorithmen von Facebook, Amazon, Google und Co. wissen bereits mehr über uns als uns lieb ist. Der in Bielefeld ansässige Verein Digitalcourage wird sich freuen. Er vergibt einmal im Jahr den Negativ-Preis „Big Brother Award“ und beklagt genau das, was diesen ZDF-Samstagskrimi im Kern ausmacht.

Und so fährt das Wilsberg-Team erstmals nach Bielefeld. Der eine (Oliver Korittke als Ekki Talkötter) will einen alten Kumpel beim Finanzamt treffen, der andere (Roland Jankowsky als Overbeck) sich in Sachen Digitale Ermittlungen bei der Polizei profilieren und Ina Paule Klink als Alexandra Holtkampf wirft sich als Bettgespielin in die Arme des schmierigen Firmenchefs und späteren Opfers.

Drehbuch will zuviel auf einmal

Für Kommissarin Springer, gespielt von Rita Russek, war kein Platz mehr in den verworrenen Erzählsträngen. Sie darf Urlaub machen auf Borkum. Denn in Bielefeld ermittelt nun einmal die ortsansässige Polizei. Eine Auszeit wäre auch für Wilsbergs Patenkind Alex besser gewesen, denn das Drehbuch will zuviel auf einmal. Was nicht passt, wurde passend gemacht. Jörg Pintsch spielt den unsympatischen Benjamin Heller zwar hervorragend, aber dass Alex mit diesem Ekel ins Bett geht - schwer vorstellbar.

Schade, denn die Folge hat gute Ansätze. Dass Wilsberg (Leonard Lansink) sich als digitaler Nichtsnutz outet, deutet ein Programmierer der umstrittenen App als Problem. „Sie teilen nichts, sie posten nichts. Da kann der Algorithmus nur noch raten und das macht Sie verdächtig.“ Der Privatdetektiv ist verzweifelt: „Wenn man am dem ganzen Internetquatsch nicht teilnimmt, wird man gleich verdächtig?“ Selbst Programmierer Bruno Korati (Arnd Klawitter) kommen da Zweifel: „Für diese App hier schon. Für die sind Sie ein richtiger krummer Hund.“

Die Grundidee und die Kritik an der schönen neuen Datenwelt ist passend - aber Folge 64 will zu viel auf einmal. Schließlich musste auch noch Bielefeld vorkommen. Und so durfte die Sparrenburg als Wahrzeichen der Stadt nicht fehlen und gleich zweimal fuhr Wilsberg im Auto vor dem Alten Rathaus in der Innenstadt vorbei. Den in Sachen Münster und Bielefeld neutralen Zuschauern wird es egal sein. Die Auflösung der Geschichte am Ende kam überraschend gelungen daher.

Lakritznostalgie am Sonntag

Weniger zukunftsorientiert ist dagegen der neue ARD-Tatort aus Münster. Für Rechtsmediziner Prof. Boerne wird die Folge "Lakritz" vielmehr zur Reise in die Vergangenheit. Zyankali im Lakritz, ein toter Marktmeister und bittersüße Erinnerungen eines pummeligen Besserwissers spielen dabei eine Rolle.

„Er ist tot, endlich“, spricht die Haushälterin ins Telefon, ein kurzes Lächeln umspielt ihre Lippen. Den selbstverliebten Hannes Wagner tot zu sehen, ist für niemanden ein echter Verlust. So viel jedenfalls ist klar nach der fast schon klassischen Krimieinstiegsszene der neuen Episode der ARD-Tatort-Ermittler aus Münster (Erstausstrahlung am Sonntag, 3. November, 20.15 Uhr). Auch was dann folgt, ist klassische Thiel-Boerne-Unterhaltung: Der 35. Fall, irgendwo zwischen solide gestrickt und skurril-verworren, tritt zurück hinter pointierte Dialoge mit Wortwitz.

Es zählen vor allem Hauptfiguren, die der Zuschauer entweder in ihrer Schrulligkeit und Überzeichnung schätzt wie alte Bekannte - oder immer schon belanglos findet.Der Mordfall führt das Ermittler-Duo abermals in Münsters bürgerlich-gehobene Schicht: Jahrelang hatte der nun tot auf dem edlen Parkett seiner üppig ausgestatteten Stadtvilla liegende Wagner die prestigeträchtige Position des Marktmeisters inne - und damit das Sagen über den weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Wochenmarkt der Stadt. Doch nun hat es ihn dahingerafft, weil er mit Zyankali vergiftetes Lakritz genascht hat.

Bittersüße Erinnerungsreise

Klar, dass auch Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) seine Nase tief in den Fall hineinsteckt. Buchstäblich - denn ausgerechnet der spezielle Geruch der schwarzen Süßigkeit sorgt für eine bittersüße Erinnerungsreise weit zurück in Boernes Teenagerzeit. In Rückblicken lernen die Zuschauer den 14-jährigen Karl-Friedrich kennen (Vincent Hahnen): Ein pummeliger Klugscheißer mit zu großer Brille, unglücklich verliebt in die Tochter der Lakritzmacher-Familie Maltritz.

Am Anfang seiner Arbeit für diese Folge habe für ihn die Frage gestanden, wie Boerne zu Boerne wurde, verrät Drehbuch-Autor Thorsten Wettcke im Presseheft zum Film: „Gab es ein Ereignis in seinem Leben, das ihn zu diesem liebenswert narzisstischen Ekelpaket werden ließ?“, schildert er.

Während also Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und seine Kollegin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) den Mörder des Marktmeisters suchen, wandelt der Rechtsmediziner auf den Spuren der eigenen Vergangenheit - und zu einem Schlüsselmoment: Ein rätselhafter Selbstmord weckt nicht nur die rechtswissenschaftliche Neugier des jungen Boerne, es finden sich auch verdächtig viele Verbindungen in die Gegenwart.

Retro-Rückblenden voller nostalgischer Gefühle

Thiel interessieren Boernes Geister vergangener Tage eher weniger: Was, wenn das vergiftete Lakritz nur der Anfang war und jemand weitere Giftanschläge auf dem Wochenmarkt plant? Gleichzeitig werfen Wagners Wohlstand und seine beträchtliche Machtfülle allerlei Fragen auf. Immerhin war er auch jahrzehntelang für die Vergabe der heiß umkämpften Standlizenzen zuständig. Und welche Rolle spielt der übertrieben freundliche Holländer, der erst seit Kurzem die begehrte Markterlaubnis hatte?

Die Folge entfaltet ihren Charme vor allem in den Retro-Rückblenden voller nostalgischer Gefühle. Dass die nach Lakritz schmeckende Vergangenheit auch beim aktuellen Fall eine große Rolle spielt, vermag zwar nicht zu überraschen, stört aber auch nicht weiter das muntere Geschehen dieser typischen Thiel-Boerne-Krimikomödie.

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