1. www.wn.de
  2. >
  3. Muenster
  4. >
  5. „Das tut weh“

  6. >

Interview mit Spyros Marinos

„Das tut weh“

Münster

Spyros Marinos (72), Vorsitzender des Integrationsrates, ist Grieche. In den 60ern zum Studium nach Deutschland gekommen, war er Oberarzt im evangelischen Krankenhaus. Er ist mit einer Deutschen verheiratet, aber nie Deutscher geworden. WN-Redakteur Günter Benning sprach mit ihm über die Krise seines Heimatlandes.

wn

Spyros Marinos, Vorsitzender des münsterischen Integrationsrates, leidet derzeit an den Querelen in seinem Heimatland Griechenland. Foto: Leonard Ruck

Wie fühlt man sich im Moment als Grieche?

Marinos: Als Grieche hat man den Makel bekommen, faul und Betrüger zu sein. Die Presse hat das verallgemeinert. Das tut weh, weil der Grieche nicht so ist. Auch laut europäischer Statistik arbeiten Griechen mehr als Deutsche und haben viel weniger Feiertage.

Sie sind auch nach fast 50 Jahren in Deutschland Grieche?

Marinos: Ja, immer. Aber ich war nie im nationalen Sinne Grieche. Ich habe Griechenland immer kritisiert, wegen seiner Regierungen. Aber man soll das Volk nicht damit über einen Kamm scheren. Was mich ärgert, sind die Finanzmärkte. Ich kann nicht glauben, dass die Banken 20 Jahre nicht wussten, was da passiert. Das ist doch wie mit der Jungfrau, die sich wundert, dass sie auf einmal Kinder bekommt.

Einer ihrer Söhne lebt und arbeitet in Griechenland. Wie geht es ihm?

Marinos: Mein Sohn arbeitet als Zahnarzt in einem Krankenhaus. Jetzt will er wieder nach Deutschland zurück, weil die Kürzungen der Löhne so radikal sind, dass er mit zwei Kindern von 20 und sechs Monaten überhaupt nicht auskommen kann.

Was verdient er?

Marinos: Er hatte einen Anfangslohn von 3200 Euro mit Aussicht auf Steigerungen. Jetzt bleiben noch 1400 Euro. Wie soll er das machen? Eigentlich will er Griechenland nicht verlassen, er liebt die Lebensart dort. Das geht nicht um Heimatgefühle, denn er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Er schätzt die Ruhe auf den Inseln, das Klima, das gute Essen. Höchstwahrscheinlich kommt er zurück.

Wenn qualifizierte Leute abwandern, leiden Staaten darunter. Osteuropa hat das erlebt. Sehen Sie das auch für Griechenland?

Marinos: Das ist schon längst so. Es gibt allein 350  000 Ausreiseanträge für Australien. In Deutschland sind von den neu zugewanderten Menschen 84 Prozent Griechen, 16 Prozent sollen Spanier sein. Demnächst kommen auch noch die Portugiesen. Das Land verliert seine Kapazitäten – man muss ja wissen, dass Griechenland sehr viele Akademiker hat.

Das klingt dramatisch auch auf der ganz individuellen Ebene?

Marinos: Worüber die Zeitungen, auch hier, nicht berichten: Es gibt in Griechenland viele Selbstmorde, Selbstverbrennungen vor Banken. Die Journalisten wissen davon, wollen aber keine Unruhe verbreiten. Die Maßnahmen, die von der EU-Troika gemacht werden, sind unmenschlich, eine zweite Besatzung. Die Banken sollen gerettet werden – nicht das Volk.

Kennen Sie griechische Familien, die nach Münster gekommen sind?

Marinos: Natürlich, manche kommen nach Münster, nach Wuppertal, nach Hagen. Einige haben mich schon kontaktiert. Das sind teilweise Leute, die früher als Gastarbeiter hier gewesen sind. Aber es sind auch ganz neue Leute.

Was erwarten sie hier?

Marinos: Ganz einfach, sie suchen und finden Arbeit. Und leben hier. Das ist sehr traurig, das Ganze. Wissen Sie, da kommen alte Gefühle in mir wieder hoch. Zum ersten Mal in den ganzen Jahren, die ich hier in Deutschland lebe, denke ich wieder griechisch.

Was heißt das für das Thema Integration?

Marinos: Diejenigen Griechen, die früher in Deutschland lebten, brauchen natürlich keine Sprachkurse. Die anderen brauchen sie – und sie machen sie auch.

Wo geht es hin mit Griechenland?

Marinos: Wenn wir einen Außenfeind hätten, hätten wir hundertprozentig überlebt. Aber hier wissen wir nicht, wo der Feind ist. Die Griechen sind in ihrer normalen menschlichen Würde verletzt, weil die Troika überhaupt nicht sensibel ist und die Verhältnisse in Griechenland nicht kennt. Man könnte ein bisschen Rücksicht nehmen.

Startseite