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Prozessbeginn im Missbrauchskomplex von Münster

Das Unfassbare wird verhandelt

Münster

Am Donnerstag beginnt das Mammutverfahren gegen fünf Angeklagte im Missbrauchskomplex Münster - darunter ist der hauptbeschuldigte IT-Techniker Adrian V.. In dem ausufernden Fall von Kindesmissbrauch identifizieren die Ermittler noch immer neue Beschuldigte.

Dirk Anger

Nach dem Stutthof-Prozess gegen einen ehemaligen KZ-Wachmann (oben) beschert der Missbrauchsprozess um die Geschehnisse in einer Gartenlaube in Münster (unten) dem Landgericht Münster erneut bundesweite Aufmerksamkeit. Doch wegen Corona ist weniger Publikum zugelassen. Foto: Gunnar A. Pier, Oliver Werner

Es sind die schlimmsten menschlichen Abgründe, die sich ab Donnerstag vor dem Landgericht Münster auftun werden. Dort kommt auf den Verhandlungstisch, was selbst gestandenen Ermittlern der Polizei Tränen in die Augen getrieben hat, als sie an einem sonnigen Juni-Samstag das Ergebnis ihrer Ermittlungen offen legten: schwerer sexueller Kindesmissbrauch in einem ungeahnten Ausmaß, teils geschehen hinter der unverdächtig biederen Fassade einer Gartenlaube in Münsters Norden – dokumentiert in unzähligen Fotos und Videos.

Hunderte Terabyte an Daten sichergestellt

Hunderte Terabyte an sichergestellten Daten auf Festplatten, Handys und Laptops beschäftigten Polizei und Staatsanwaltschaft bis heute. Allein im Präsidium in Münster arbeiten behördlichen Angaben zufolge noch immer mehr als 100 Beamte in der eigens für den Fall gebildeten Ermittlungskommission „Rose“. Unterstützung erhalten sie von der Staatsanwaltschaft Köln. Dort kümmert sich eine Task Force für Cybercrime um die Auswertung von Datenmaterial mit zunächst unbekannten Tätern.

Kurz vor dem Prozessauftakt in Münster konnte die Stelle 19 zunächst unbekannte Beschuldigte aus mehreren Bundesländern identifizieren. Damit gibt es im Missbrauchskomplex von Münster nunmehr 30 Beschuldigte. Und ein Ende scheint nicht absehbar zu sein: „Ich kann nichts ausschließen“, sagt Martin Botzenhardt, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Münster, die allein für neun Verdächtige in ihrem Bereich Untersuchungshaft erwirkt hat.

Der mutmaßliche Haupttäter Adrian V.

Zu den Inhaftierten gehört der 27-jährige Adrian V., der als Hauptfigur in dem ausufernden Fall gilt und das Unvorstellbare in den dunkelsten Abgründen des Internets verbreitet haben soll. Zusammen mit drei weiteren Männern unter anderem aus Hannover und Schorfheide sowie seiner eigenen Mutter muss sich der IT-Techniker in dem jetzt beginnenden Prozess verantworten.

Dabei zählt die zwischenzeitlich abgerissene Gartenlaube der Mutter von Adrian V. zu den Haupttatorten, wo sich die vier Männer unter anderem an einem Wochenende im April dieses Jahres gezielt verabredet haben sollen, um den zehnjährigen Sohn der Lebensgefährtin von Adrian V. und den fünfjährigen Sohn eines Angeklagten aus Staufenberg mehrmals gemeinschaftlich zu missbrauchen.

Großes öffentliches Interesse am Prozess

Die Beschuldigten sitzen in unterschiedlichen Haftanstalten in Westfalen ein – unter anderem in Münster. Aus Gründen der Tätertrennung, wie Oberstaatsanwalt Botzenhardt erklärt. In welcher Justizvollzugsanstalt der Hauptverdächtige einsitzt, will man nicht sagen. „Wir müssen die anderen Insassen in der JVA nicht darauf stoßen.“

Das öffentliche Interesse an dem zunächst auf fast 30 Verhandlungstage angesetzten Prozess ist groß. Zu groß, um in Corona-Zeiten trotz des größten Verhandlungssaals im Landgericht alle interessierten Medienvertreter zulassen zu können. Allerdings wird ohnehin damit gerechnet, dass die Öffentlichkeit in dem Verfahren zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der Opfer frühzeitig ausgeschlossen wird.

Dritter großer Fall von Kindesmissbrauch in NRW

Auch das Heer der Rechtsanwälte ist beträchtlich: Alle fünf Angeklagten haben zwei Anwälte, dazu kommen die Vertreter der Opfer als Nebenkläger, wie Gerichtssprecher Dr. Steffen Vahlhaus berichtet. Nach dem sogenannten Stutthof-Prozess gegen einen ehemaligen KZ-Wachmann, der im Frühjahr 2019 zu Ende ging, beschert der am Donnerstag beginnende Missbrauchsprozess den Richtern am Landgericht Münster erneut bundesweite Aufmerksamkeit.

Nach den Fällen von Lügde und Bergisch Gladbach ist das Verfahren in Münster das dritte in Nordrhein-Westfalen, bei dem es in jüngerer Vergangenheit um schweren sexuellen Kindesmissbrauch und damit zusammenhängende Straftaten geht. Nicht zuletzt ausgelöst dadurch ist eine politische Debatte über die Verschärfung von Strafen bei Kindesmissbrauch in vollem Gange.

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