Gast beim Jubiläum der Villa ten Hompel

Der berühmte US-Holocaust-Historiker Browning ist alarmiert

Münster

Die Villa ten Hompel, Geschichtsort in Münster, der sich mit der Rolle von Verwaltung und Polizei in der NS-Diktatur auseinandersetzt, arbeitet seit 20 Jahren. Zum Jubiläum ist mit Christopher Browing ein Historiker gekommen, der vor 25 Jahren die Holocaust-Forschung revolutionierte.

Karin Völker

Christopher Browning (sitzend) trug sich im Friedenssaal in das Goldene Buch der Stadt ein. Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson (2.v.l.) und die städtische Kulturdezernentin Cornelia Wilkens empfingen den US-amerikanischen Historiker, der von Christoph Spieker (v.r.), Stefan Querl und Thomas Köhler von der Villa ten Hompel begleitet wurde. Foto: Matthias Ahlke

Als die angesichts des berühmten Adressaten mit gewisser Schüchternheit abgeschickte Mail aus Münster bei Christopher Browning in Chapel Hill, North Carolina, einlief, gab es für den bekannten Historiker kein Zögern. Natürlich kenne ich die Villa ten Hompel, schrieb er den Kollegen vom „Geschichtsort“ am Kaiser-Wilhelm-Ring. Und natürlich werde er zum 20. Geburtstag der „Villa“ nach Münster kommen.

Nun ist Browning da. Die Villa ten Hompel, die besonders die Rolle von Polizei und Verwaltung im Nazi-Regime untersucht, hat zu ihrem runden Geburtstag zu einem Kongress eingeladen – und bei dem spielt Browning eine Hauptrolle. Vor 25 Jahren veröffentlichte er sein für die Holocaust-Forschung bahnbrechendes Werk „Ordinary Men“, in dem er untersuchte, wie Polizisten, die nicht als Soldaten eingesetzt waren, zu „Hitlers willigen Vollstreckern“ wurden, wie der deutsche Historiker Daniel Goldhagen es später in seinem, in der Tradition Brownings entstandenen Buch nannte.

Unter anderem auf Initiative der Historiker der Villa ten Hompel ist der jetzt 75-jährige Christopher Browning am Mittwochabend im Rathausfestsaal mit einer Festschrift gewürdigt worden, die die Holocaust-Forschung 25 Jahre nach seinem Schlüsselwerk mit Beiträgen vieler internationaler Kollegen beleuchtet. Der renommierte Historiker Norbert Frei von der Universität Jena hielt die Laudatio auf den Kollegen aus den USA.

Browning, der mit seiner Frau Jenny nach Münster gekommen ist, sitzt, bevor er im Friedenssaal der Stadt offiziell empfangen wird, in der Bürgerhalle und plaudert. Er habe vor Jahren viel Gutes von der Arbeit der Villa ten Hompel gehört und gelesen – und nun hat er endlich deren wichtige Ausstellung gesehen, die ihren Fokus stark auf den Umgang mit der Nazidiktatur in der Nachkriegszeit gerichtet hat. Im Archiv der Villa ten Hompel gibt es beispielsweise den Nachlass von Julius Wohlauf, Offizier in jenem Polizeibataillon 101, das im von Hitler besetzten Polen für Massenerschießungen verantwortlich war – und Thema von Brownings „Ordinary Men“ ist.

Als der in den 1960er-Jahren wegen Mordes bei den Massenerschießungen verurteilte Polizeioffizier Julius Wohlauf nach seiner achtjährigen Haft wieder im Kreis seiner Familie lebte, hat ihm seine Tochter Brownings Buch aufs Kopfkissen gelegt. Wohlauf habe nicht darüber gesprochen, aber die Aufzeichnungen des inzwischen Verstorbenen deuten darauf hin, dass er sich mit dem Buch auseinandergesetzt hat, sagt Thomas Köhler, Historiker der Villa ten Hompel. Es sind also persönliche Berührungen, die Browning in Münster erfährt.

Was sagt er dazu, dass ein Neonazi kürzlich in Halle versucht hat, Menschen am Festtag Jom Kippur in der Synagoge zu töten? „Sehr alarmierend“, sagt Browning – und holt aus. „Der Rassismus weißer Männer, die um ihre Vorherrschaft fürchten, ist überall auf der Welt ein gefährliches Phänomen“, stellt er fest und zählt Attentate in den USA, in Neuseeland oder Frankreich auf. Und wie sollen deutsche Jugendliche 75 Jahre nach dem Holocaust dafür politisch sensibilisiert werden? Browning empfiehlt den Deutschen, ihre Perspektive zu erweitern: „Völkermord ist ein globales Thema.“

Einen besonderen Zugang zum Holocaust haben sich die Jugendlichen des Schulchores des Gymnasiums Paulinum erarbeitet. Sie sangen in der Feierstunde im Rathaus Lieder, die Verfolgte in den Konzentrationslagern geschrieben hatten.

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