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Kritik an Pokémon-Game

Der Blick engt sich ein

Münster

Alle suchen Pokémons. Aber was macht das Online-Spiel mit der Psyche? Unser Redakteur Günter Benning sprach mit Judith Müller (37), stellvertretende Leitende Psychotherapeutin der Christoph-Dornier-Klinik.

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Judith Müller.   Foto: Dornier-Klinik

Spielen Sie selber Pokémon?

Müller: Nein. Ehrlicherweise habe ich auch nie Spiele wie World of Warcraft gespielt. Ich stamme aus der alten Generation, die ganz normale Jump-and-Run- oder Strategiespiele gespielt haben.

Haben Sie mit Spielern zu tun, die Suchtprobleme haben?

Müller: Wir sind in der Klinik stationär tätig, da gibt es Patienten, die wegen dieser Problematik kommen. Häufig stellen sie sich wegen anderer Erkrankungen vor, zum Beispiel Depressionen oder sozialer Ängste. Die haben begleitend häufig eine Spielproblematik.

Was sind die Symptome?

Müller: Es wird für die Klienten zunehmend schwerer, auf das Spielen zu verzichten. Sie verbringen immer mehr Zeit mit dem Spiel, vernachlässigen Hobbys und Freunde. Sobald sie von der Schule oder Arbeit kommen, müssen sie sofort spielen. Der Lebensalltag engt sich immer mehr ein.

Pokémon bringt ja nun die Spieler in die Öffentlichkeit. Macht das einen Unterschied?

Müller: Das macht insofern einen Unterschied, als die Umgebung irritiert ist, wenn Leute auf ihr Handy starren und stundenlang in der Gegend herumlaufen, um Pokémons zu finden. So gelangt das Spielen mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Bei anderen Spielen wie World of Warcraft weiß man aus Berichten und den Medien, dass sie schwierig sind. Aber man kriegt es nicht so mit.

Mehr als zehn Millionen mal wurde das Spiel in Deutschland geladen. Ist Online-Spielen ein Massen-Phänomen?

Müller: Ja. Viele haben vielleicht früher Pokémon- Karten gesammelt und Kindheitserinnerungen an das Spiel. Das klingt erst mal spannend, man kommt vor die Tür, kann seinem Jagdtrieb nachgehen, zusammen mit anderen, denn Freunde machen das auch.

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Das klingt sehr positiv. Wo ist der Haken für Sie?

Müller: Dass genau wie bei anderen Spielen Fiktion und reale Welt durcheinanderkommen und verschwimmen. Ich sehe die Gefahr, dass man da genauso eintauchen kann wie in andere Computer-Spiele auch. Es gab ja auch schon Leute, die ihren Job auf Eis gelegt haben, um Pokémons zu fangen, die von Klippen gefallen sind, weil sie abgelenkt waren. Man vergisst die Umwelt.

Gespielt wurde immer. Mensch-ärgere-dich-nicht, Monopoly, heute gibt es Reality-Spiele, bei denen sich Leute verkleiden. Wo ist der Unterschied?

Müller: Auch wenn ich mich verkleide, sind die Interaktionen mit anderen Spielern real. Was die Computerspiele so verführerisch macht, ist, dass man da eine Menge Erfolge sammeln kann, die man im realen Leben nicht hat. Man kann unendlich weiterspielen. Das endet nie so wie beim Monopoly, wenn einer Pleite ist. Man kann immer neue Eier ausbrüten, neue Pokémons aufziehen.

Wir lernen im Berufsalltag heute junge Leute kennen, die nicht telefonieren können, aber sich bestens bei Pokémon auskennen. Warum?

Müller: Bei Pokémon weiß jeder, welche Farbe er hat, in welches Team er gehört, was er tun soll. Wenn man real mit Menschen spricht, gibt es ganz andere Regeln.Dann muss ich mich auf eine reale Person einstellen. Das ist viel unsicherer als in klar geregelten Spielen. Bei Pokémon trifft man sich zwar oft in großen Gruppen. Da gibt es Geselligkeit – das ist definitiv positiv. Die Spieler sind zusammen, aber unterhalten sich nicht über Alltagsthemen, Sorgen und Nöte. Sie tauchen gemeinsam in die virtuelle Welt ab. Man kämpft gemeinsam gegen andere Teams, das kann allenfalls mal in reale Kämpfe ausarten.

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In dieser Woche muss man die Frage nach dem Gewaltpotenzial stellen. Pokémons selbst sehen süß aus, aber wenn man sie abwirft, lösen sie sich auf. Im Grunde sind sie tot.

Müller: Ich halte Pokémon Go für weniger gefährlich als zum Beispiel World of Warcraft, wo mit richtigen Waffen gearbeitet wird. Ich glaube aber schon, wenn Leute per se gefährdet sind, weil sie nicht mit Wut und Aggression klarkommen, beinhalten solche Spiele weitere Gefahren für sie.

Durch Spielen lernt man reale Situationen symbolisch kennen. Ist das bei Online-Spielen etwa anders?

Müller: Wer am Computer tagtäglich mehrere Leute erschießt, bei dem kann auch im Alltag die Hemmschwelle                         gesenkt sein. Das         betrifft          vor allem Menschen, die  sowieso in ihrem Alltag gefährdet sind.

Wann halten sie eine Therapie für nötig?

Müller: Wenn man merkt, das Spiel wird das Wichtigste im Leben. wenn Schule, Studium und Beruf vernachlässigt werden. Schwierig ist das, weil das Spiel dem Spieler meist soviel gibt, dass da wenig Leidensdruck herrscht.

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