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WN-Spendenaktion: Netzwerk Roter Keil

Projekt "Spürsinn" will sexueller Gewalt vorbeugen

Münster

Behinderte Kinder sind besonders oft Opfer von sexualisierter Gewalt. Um sie davor präventiv zu schützen, unterstützt das Netzwerk Roter Keil das Projekt „Spürsinn“ des Kinderschutzbundes Münster.

Von Pjer Biederstädt

Sozialarbeiterin Maike Neuer leitet beim Kinderschutzbund Münster das Projekt „Spürsinn“, das Kinder mit Behinderungen präventiv vor sexualisierter Gewalt schützen soll. Ein Baustein sind Gespräche (Szene nachgestellt) in der „Redezeit“. Foto: Kinderschutzbund Münster

Aufgefallen ist es, weil Luis viele Fragen hatte. Detaillierte Fragen. Zum Beispiel: „Wenn ich einen Penis angefasst habe, muss ich mir dann die Hände waschen?“ Weitere Fragen folgten, der lernbehinderte Junge wirkte sehr bedrückt. Dann die Offenbarung: Er ist Opfer von sexualisierter Gewalt geworden.

Luis heißt in Wahrheit nicht Luis. Und auch sonst lässt Maike Neuer zum Schutz des Kindes unnötige Details weg, wenn sie von dem Fall erzählt. Die Pädagogin leitet das Projekt „Spürsinn“ beim Kinderschutzbund Münster. Dabei gehen speziell ausgebildete pädagogische Fachkräfte in Münsters Förderschulen, um Kinder mit Behinderungen präventiv vor sexualisierter Gewalt zu schützen. Bei einem dieser Besuche hatte Luis sich Maike Neuer offenbart.

Behinderte Kinder häufiger Opfer

Kinder mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen sind überdurchschnittlich oft Opfer von sexualisierter Gewalt. Mindestens doppelt so häufig wie der Bevölkerungsdurchschnitt, wie Studien zeigen. „Die Dunkelziffer der Fälle dürfte noch höher sein“, sagt Maike Neuer.

Gründe dafür gibt es viele: Mädchen und Jungen mit Behinderungen sind oft auf Hilfestellung und Pflege angewiesen. Dabei können Situationen entstehen, die Täter und Täterinnen für Übergriffe ausnutzen. Ihre Sexualität wird oft noch tabuisiert. Außerdem bauen Täter und Täterinnen darauf, dass ihre Glaubwürdigkeit häufig angezweifelt wird.

Drei Projekte, ein Konto

Um das Risiko für sexualisierte Gewalt an Kindern mit Behinderungen zu minimieren, hat der Kinderschutzbund Münster vor zehn Jahren das Projekt „Spürsinn“ entwickelt. Acht Förderschulen in Münster profitieren mittlerweile davon.

Unterstützung vom Netzwerk Roter Keil

Finanziert wird das Projekt durch Zuschüsse der Stadt und des Netzwerks Roter Keil – und ist für die Schulen somit kostenlos. „Der Rote Keil ist seit Jahren ein verlässlicher Partner“, sagt Torben Oberhellmann, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes Münster. Maike Neuer ergänzt: „Wir sind froh, dass sie uns so unkompliziert unterstützen. Und sie interessieren sich wirklich für die Inhalte des Projekts.“

Die Präventionsarbeit geht über die Arbeit mit den Dritt- und Viertklässlern hinaus. Auch die Lehrkräfte und pädagogischen Kräfte werden geschult, Schutzkonzepte gemeinsam entwickelt. Außerdem werden die Eltern eingebunden.

Wo kann ich mir Hilfe holen?

Im Zentrum steht jedoch die Arbeit mit den Kindern. Wer darf eigentlich was mit meinem Körper machen? Was ist sexuelle Gewalt? Wo kann ich mir Hilfe holen? Diese und weitere Fragen werden in fünf einstündigen Modulen behandelt. In der „Redezeit“ können die Kinder ein Beratungsgespräch wahrnehmen und Fragen stellen.

„Im Grunde geht es bei dem Projekt darum, eine Kultur zu schaffen, in der man offen über Grenzüberschreitungen reden kann. Wir vermitteln den Kindern, was erlaubt und was verboten ist. Das wissen nämlich viele nicht“, sagt Maike Neuer. Auch Luis wusste das offenbar nicht. Umso wichtiger, dass er jetzt den richtigen Spürsinn hat.

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