1. www.wn.de
  2. >
  3. Münster
  4. >
  5. Der Nachbar zerlegte seinen Sitz

  6. >

Die Stones vor 50 Jahren in der Halle Münsterland

Der Nachbar zerlegte seinen Sitz

Münster

Am 11. September 1965 traten die Rolling-Stones zum ersten Mal in Deutschland auf. Der Münsteraner Gerhard Trost-Heutmekers war vor 50 Jahren als 14-Jähriger dabei.

Karin Völker

Gerhard Trost-Heutmekers war vor 50 Jahren dabei, als die Stones in der Halle Münsterland rockten. Foto: Bildarchiv Joachim Hilpert Münster

Es war streng genommen eine Kindervorstellung, der der 14 Jahre alte Gerhard Trost-Heutmekers in den Tagen vor dem 11. September 1965 entgegenfieberte. Der junge Mann hatte acht Mark vom Taschengeld zusammengespart, um an jenem Samstagnachmittag in der Halle Münsterland die britische Band zu erleben, der seit Monaten ein sagenhafter Ruf vorauseilte. Die Rolling Stones standen zum ersten Mal in Deutschland und überhaupt auf dem europäischen Festland auf einer Bühne und der Junge aus Senden hatte eines der 5200 Tickets.

Fünf Jahrzehnte später ist Gerhard Trost-Heutmekers langjährig eingesessener Münsteraner – und das runde Jubiläum des Konzert-Ereignisses hat die Erinnerungen an den denkwürdigen Samstag in Gang gesetzt.

Die Nachmittagsvorstellung sprach gezielt minderjährige Besucher an – und der Platz für acht Mark lag in einer der hintersten Reihen, weit weg von der Bühne. Und fern der Musik: „Bis in unsere Reihe drangen nur Fetzen der Musik, zu hören war hauptsächlich Gekreische, erzählt Trost-Heutmeker. Als „Satisfaction“, der damalige Hit unter den nur acht Liedern des Konzerts, gespielt wurde, stieg der Kreischpegel ins Unerträgliche. „Satisfaction“ hat Gerhard Trost-Heutmekers später mit seiner Jugendband „The Polarstars“ noch oft gespielt – und gesungen. „Ich war in der Band der Mini- Mick-Jagger“, erinnert sich Trost-Heutmekers.

Leider gibt es kein Foto von dem Jugendlichen Stones-Fan von diesem Tag. Um die Klamotten hatte er sich keine besonderen Gedanken gemacht, bevor er zusammen mit einem Freund in den Linienbus zur Halle Münsterland stieg. Nur so viel: „Der Kragen meiner Jacke musste hochgeklappt sein, das war damals cool.“

In Mode war es damals auch, bei Stones-Konzerten das Mobiliar in den Konzertsälen zu zertrümmern. Darum mühte sich auch ein Sitznachbar von Gerhard Trost-Heutmekers seinerzeit nach Kräften. Der Gymnasiast beobachtete es mit Befremden und fühlte sich nicht animiert, es dem Fan gleichzutun: „Dafür war ich damals schon allein viel zu schwach.“ Auch dem im allgemeinen gemäßigten, westfälischen Temperament des Publikums war es wohl geschuldet, dass die Halle Münsterland, anders als die Berliner Waldbühne ein Woche später von größeren Zerstörungen verschont blieb. Gerhard Trost-Heutmekers zelebrierte den großen Moment, in dem er sich feierlich eine Zigarette ansteckte, während die Stones unten mit ihrer für heutige Verhältnisse mickrigen Anlage versuchten, etwas von ihrer Musik herüberzubringen.

Gerhard Trost-Heutmekers

Als das nur 30 Minuten kurze Spektakel vorbei war, hatte Gerhard Trost-Heutmekers keineswegs das Gefühl, einen historischen Augenblick miterlebt zu haben. Dieser Eindruck entstand erst später, je berühmter die Stones wurden. Gerhard Tropst-Heutmekers hat die Stones trotz ihrer vielen Tourneen übrigens nie wiedergesehen – „mein Musikgeschmack änderte sich“. Heute am Jahrestag wird er vielleicht ausnahmsweise noch mal ein paar Stones-Songs spielen: „Die alten Platten habe ich noch.“

Startseite
ANZEIGE