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Die Ära Spyros Marinos endet

Der streitbare Grieche

Münster

Er ist das Gesicht der münsterischen Ausländerpolitik. Spyros Marinos, Noch-Vorsitzender des Integrationsrates, gibt sein Amt auf – nach über 30 Jahren.

Günter Benning

Spyros Marinos erklärt die Welt. Der Noch-Vorsitzende des Integrationsrates ist ein Mann der großen Gesten. Foto: bn

Heerdestraße im Kreuzviertel. Ein 60er-Jahre-Mietshaus neben Jugendstilvillen. Blanke Flurfliesen. Der Vorsitzende des Integrationsrates wohnt im zweiten Stock. „Zu viele Treppen“, sagt Spyros Marinos (74), als er die Tür öffnet.

Mitte Juli gibt er sein Amt auf. Dem neuen Integrationsrat gehört er nicht an. Seine Liste „Gemeinsam“, die immer die Mehrheit geholt hatte, kommt auf zwei Sitze.

Die Ära Marinos endet mit Zersplitterung in dem Gremium, dessen Vorläufer er 1984 gegründet hat, dessen Chef er seitdem war. Manche sagen: dessen Übervater.

Mit (bald) 75 darf schon mal die Luft raus sein. Der unverwüstliche Marinos erholt sich von einer schweren Erkrankung, die ihn in den letzten Monaten zurückgeworfen hat. Trotzdem quillt sein Schreibtisch in dem großen Wohnzimmer über, bekommt er 50 Mails am Tag und ebenso viele Anrufe. „Ich arbeite schon wieder wie immer“, sagt er, „bloß keine Genesungswünsche.“

Spyros Marinos

Spyros Marinos (74) stammt aus Piräus in Griechenland. In den 60ern arbeitete er im Bergbau und studierte Medizin in Münster. Als Internist arbeitete er im Evangelischen Krankenhaus, 1985 gründete er Münsters ersten Ausländerbeirat (jetzt Integrationsrat), blieb dessen Vorsitzender bis heute. Zehn Jahre war er Vorsitzender des NRW-Ausländerbeirats. Er hat eine Münsteranerin geheiratet und drei Kinder.

Marinos kam in den 60ern aus Piräus nach Deutschland. Gegen den Willen seiner Mutter. Der Vater fiel beim Kampf um Kreta gegen die Deutschen. Manchmal zitiert er den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan: „Erzwungene Migration ist das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“

Ihn hat niemand gezwungen. Er hat als Bergmann gearbeitet, bei Mannesmann am Stahlofen, als Sozialbetreuer. Hat in Münster Medizin studiert, sein Traumberuf. Und hier seine Frau Hildegard lieben gelernt. Die drei Söhne waren auf dem Schiller. Der erste Enkel ist da auch. „Eigentlich“, sagt er, „wollte ich immer zurück nach Griechenland.“ Immer gab es Gründe dagegen. Die Kinder, die Schule, die Arbeit, die Enkel. Sein ältester Sohn, ein Zahnarzt, migrierte auf die griechischen Inseln, weil er das Land liebt. Jetzt ist er wieder in Münster – Folge der Banken-Krise.

Seit Ende der 70er kämpft Marinos für die Rechte der Ausländer. In Münsters Ausländerbeirat, zehn Jahre als Vorsitzender des NRW-Beirats. Was ihn am meisten mitgenommen hat? Der fremdenfeindliche Brandanschlag in Solingen 1993. Fünf Menschen starben. Marinos war mit Innenminister Herbert Schnoor bei den Trauernden in der Moschee.

Er ist Grieche, er wird kein Deutscher. Aber er lebt, sagt er, in „griechischer Ökumene“. Austausch der Religionen und Kulturen ist normal. Kleingeist und Nationalismus stoßen ihn ab.

Auch jetzt prägen Marinos seine Ungeduld, seine Emotionalität. Nichts ist wurscht. Was ist, ist nicht richtig. Dass zum Beispiel der Ausländerbeirat heute als Integrationsrat firmiert, passt ihm nicht. Denn da könnten auch Münsteraner wählen, „die seit 30 Jahren Deutsche sind“. Was er sich wünscht: Einen interkulturellen Ausschuss, der aus Gewählten und Experten besteht, so wie der Jugendhilfeausschuss.

Bis zum Juli ist er noch im Amt. Danach wird er sich seiner Stiftung widmen: „Medizinische Flüchtlingshilfe“ – eine Herzensangelegenheit.

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