1. www.wn.de
  2. >
  3. Muenster
  4. >
  5. „Der Stress der Erwachsenen spiegelt sich in der Seele des Kindes wider“

  6. >

Psychosomatische Beschwerden

„Der Stress der Erwachsenen spiegelt sich in der Seele des Kindes wider“

Münster

Was sollen Eltern tun, deren Kind jeden Morgen vor der Schule über Bauchschmerzen klagt? Im Interview erklärt der Kinderarzt und -psychiater Dr. Christopher Kirchhoff das Phänomen der psychosomatischen Beschwerden und wie den betroffenen Kindern geholfen werden kann.

Karin Völker

Was steckt hinter den Problemen? Dr. Kirchhoff empfiehlt: Eltern sollten sich Zeit nehmen. Foto: Colourbox.de

Das Kind klagt häufig über Bauchweh oder Kopfschmerzen, ohne dass eine körperliche Ursache dafür gefunden wird. Psychosomatische Beschwerden kommen auch bei Kindern und Jugendlichen vor, wissen die Mediziner der Don-Bosco-Klinik der Alexianer in Amelsbüren. Bei einem am Samstag beendeten Symposium tauschten sich Experten und Interessenten gerade über dieses Thema unter dem Motto „Herz über Kopf“ aus. Über das Phänomen und darüber, wie den betroffenen Kindern geholfen werden kann, sprach der Leiter der Klinik, der Jugendpsychiater und Kinderarzt Dr. Christopher Kirchhoff, mit unserer Redakteurin Karin Völker.

In Ihrer Klinik und Tagesklinik behandeln Sie Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen. Wie viele von ihnen haben psychosomatische Beschwerden?

Kirchhoff: Ich würde sagen, etwa ein Drittel unserer jungen Patienten leidet unter Schmerzen und körperbezogenen Beschwerden, die als Zeichen für psychische Probleme auftreten.

Eine Erhebung des Robert Koch-Instituts in Berlin spricht davon, dass jedes zehnte Kind an körperlichen Symptomen leidet, die keine organischen Ursachen haben. Bis 2020 sollen psychische und psychosomatische Erkrankungen im Kindesalter um mehr als 50 Prozent zunehmen. Ist die Situation wirklich so dramatisch?

Kirchhoff: Es ist sicher richtig, dass psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter häufiger auftreten. Wir sagen, dass sieben bis zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch krank sind und rund ein Fünftel psychische Auffälligkeiten zeigt. Es gibt heute dafür aber auch eine viel stärkere Aufmerksamkeit. Wo ein Kind früher gesagt bekam „Stell dich nicht so an“, wird heute auf die Befindlichkeiten stärker eingegangen, Auffälligkeiten werden häufiger wahrgenommen und als Problem gesehen.

Könnte man sagen, dass diese Bereitschaft und auch das Angebot an Behandlungsmöglichkeiten eine größere Nachfrage schafft?

Kirchhoff: Die Frage ist schon berechtigt. Wichtig ist es, im Einzelfall Entscheidungen zu treffen, wie einem Kind zu helfen ist – und dafür müssen sich Eltern auch Zeit nehmen.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Christopher Kirchhoff ist Leiter der Don-Bosco-Klinik der Alexianer in Amelsbüren, wo sich Experten derzeit über psychosomatische Erkrankungen im Kinder- und Jugendalter austauschen. Foto: Alexianer

Was sollen zum Beispiel Eltern tun, deren Kind jeden Morgen vor der Schule über Bauchschmerzen klagt?

Kirchhoff: Wenn sich die Klagen des Kindes häufen, empfiehlt es sich, erst einmal den Kinderarzt aufzusuchen und zu klären, ob es vielleicht eine organische Ursache für die Schmerzen gibt. Und wenn wirklich keine organische Ursache gefunden wird, sollten Eltern versuchen, mit ihrem Kind ins Gespräch zu kommen und dabei herausfinden, was hinter den Problemen steckt. Es ist auch gut, mit Lehrern oder Erziehern des Kindes über die Auffälligkeiten zu sprechen. Oft wird ja auch von Müttern und Vätern übersehen, dass Kinder und Jugendliche Angst haben, von Mitschülern, Lehrern oder gar den Eltern selbst abgelehnt zu werden.

Es ist nicht immer leicht, an die Kinder und Jugendlichen heranzukommen.

Kirchhoff: Ja sicher, denn sie wissen ja selbst nicht, warum sie körperlich leiden. Bei psychosomatischen Beschwerden wird das Problem sozusagen am Bewusstsein vorbei zum Körper geführt. Sich Gefühle und Ängste bewusst zu machen und sie zu benennen, ist ein gewaltiger Schritt. Genau das versuchen wir in der Therapie mit Kindern zu erreichen, die besonders stark unter solchen Beschwerden leiden.

Wie schlimm ist es gekommen, wenn ein Kind oder Jugendlicher bei Ihnen in die Behandlung kommt?

Kirchhoff: Wir haben es oft mit ganz massiven Beschwerden zu tun. Die Familien kommen zu uns, wenn Kinder schon riesige Schulfehlzeiten angehäuft haben, monatelang dem Unterricht ferngeblieben sind. Es gibt Jugendliche, die verlassen kaum noch ihr Zimmer, haben ihre zuvor heiß geliebten Hobbys aufgegeben oder treffen sich nicht mehr mit Freunden, entwickeln Essstörungen. Die psychosomatischen Beschwerden sind dann begleitet von Depressionen und Angststörungen.

Wie können Sie als Ärzte und Therapeuten solchen Kindern helfen?

Kirchhoff: Wir versuchen, durch unsere Therapien andere Ausdrucksmöglichkeiten für die Kinder zu finden, welche die sich durch Schmerzen äußernde Körpersprache überflüssig machen. Das gelingt auch mithilfe von Kunst, Musik, Tanz, Reit- oder Sporttherapie.

Spitzen sich die psychischen Probleme bei Kindern heute häufiger zu, weil in Familien nicht genug oder nicht richtig auf sie eingegangen wird?

Kirchhoff: Es ist ja in der Tat nicht einfach, mit seinem Kind in ein gutes Gespräch zu kommen. Darum sollten Erwachsene erst einmal zuhören und beobachten, wie das Kind auf Fragen reagiert. Das Wichtigste dabei: Eltern sollten sich Zeit nehmen ...

... die sie oft im engen Takt der Anforderungen zwischen Familie und Beruf nicht haben ...

Kirchhoff: Das stimmt. Nicht nur Kinder stehen durch die Beschleunigung des Alltags mit seinen Anforderungen unter größerem Stress als früher, auch die Eltern. In der Arbeitswelt erleben die meisten heute einen stärkeren Druck als in früheren Generationen. Der Stress der Erwachsenen spiegelt sich in der Seele des Kindes wider. Und manchmal reagiert der Körper mit Beschwerden auf diese allgemeine Beschleunigung, während der Geist gar nicht mehr mitkommt.

Gibt es dagegen ein Mittel?

Kirchhoff: Psychiater, Ärzte und Therapeuten können die Gesellschaft nicht verändern. Aber wir können versuchen, Wege aufzuzeigen, wie wir uns damit arrangieren, unseren Alltag zu bewältigen, ohne dabei Schaden zu nehmen.

Startseite
ANZEIGE