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Wohnzimmerkonzert mit Eric Pfeil

Der Tonmischer im Kleiderschrank

Münster

Musiker und Autor Eric Pfeil geht auf Wohnzimmertournee. Dabei nimmt er in 13 Städten sein neues Album auf. Eine ungewöhnliche Aktion, die in einer WG im münsterischen Kreuzviertel ihren Startschuss hatte.

Carsten Vogel

Eric Pfeil beim Auftakt-Wohnzimmerkonzert in einer münsterischen WG. Foto: Alfred Jansen

Die Toten Hosen haben es gemacht, Tom Liwa, Bernd Begemann und auch Mark Forster: Wohnzimmerkonzerte sind keine wirkliche Innovation mehr. “Auch ganze Tourneen greifen um sich”, sagt Eric Pfeil. Pfeil ist ein kreativer Kopf. Als Autor ist er mit seinem Pop-Tagebuch bei der FAZ und mittlerweile beim Musikmagazin Rolling-Stone bekannt geworden. Für den Musiksender “Viva Zwei” hat er einst das erfolgreiche Format “Fast Forward” erfunden.

Als Musiker nahm er 2013 sein erstes Album auf, zwei Jahre später erscheint der Nachfolger. Jetzt ist er auf Tour durch Deutschlands gute Stuben, um dort seinen dritten Longplayer einzuspielen. Das gab es so noch nie. “Die erste Sache in meinem Leben, bei der ich als Pionier fungiere”, lacht Pfeil.

Liba-Cola und Liedgut

Die erste von 13 Stationen: Eine WG in Münsters Kreuzviertel. Gastgeberin ist Heike Neudeck. Sie bewohnt in einer 4er-WG das mit ungefähr 30 Quadratmetern größte Zimmer. Über Facebook ist sie auf die ungewöhnliche Aktion aufmerksam geworden, hat anstatt sich zu bewerben, Eric Pfeil direkt angeschrieben und sich so ins Spiel gebracht. Die weitere Planung übernimmt eine Booking-Agentur aus München.

Der Musiker und sein dreiköpfiges Team trudeln am Freitagabend ein. Es ist ein logistischer Aufwand das Riesen-Equipment in so einem kleinen Raum unterzubringen. “Das ist mehr Schlepperei als mit meiner normalen Band”, sagt Pfeil. Dennoch hat Heike Neudeck den Eindruck: “Die waren total entspannt und super sympathisch”. Sie hat Erfahrung mit Konzerten, da sie seit 2009 im Team des alljährlich stattfindenden “Orange Blossom Special”-Festivals in Beverungen tätig ist.

Es gibt Käselauchsuppe. Dazu Liba-Cola und Pinkus-Bier. “An so einem besonderen Abend sollte man ruhig etwas Lokales präsentieren”, sagt Neudeck. Den Raum hat sie eigens hergerichtet. Am Fenster steht in bunten Lettern “Eric” mit einem Pfeil. Doch darunter nimmt der Hemdträger gar nicht Platz. Er sitzt mit seiner akustischen Gitarre vor einem Ikea-Regal mit Gesellschaftsspielen. Währenddessen hockt der Tonmischer eingekeilt in einer Art begehbaren Kleiderschrank. Das Gäste-WC ist mit einem bunt leuchtenden Mirrorball zur Party-Toilette umdekoriert.

Glockenheller Engels-Gesang

Um die 25 Leute haben sich eingefunden oder sind sogar aus Berlin angereist, um den ausschließlich neuen Songs des Künstlers zu lauschen. Teil des Konzepts ist die Interaktion mit dem Publikum. Bei einem Wohnzimmerkonzert geht es wesentlich elaborierter zu als bei einem Clubkonzert. Fast zwei Stunden dauert der Auftritt. “In Münster habe ich mich etwas verquatscht”, sagt Pfeil. Begeistert ist er über das von Stolz geprägte Verhältnis der anwesenden Münsteraner zu ihrem Tatort.

Natürlich darf auch mitgesungen werden. Den Song “Lass es regnen” sieht Pfeil als bundesweite Challenge. Wer bei dem Gospel am schönsten oder am lautesten singt, schafft es auf das Album. “In Münster waren im Hauptraum fast nur Frauen, weil die Männer im Türdurchgang standen, um aus der Küche schnell Bier holen zu können. Deshalb ist der Gesang so glockenhell, als würde ein Engels-Chor hinter mir stehen”, sagt Pfeil. In Bremen tags darauf dominierten eher Männer.

“Es war ein sehr harmonischer Abend und eine runde Sache”, freut sich Neudeck. Am kommenden Morgen gibt es noch ein gemeinschaftliches Frühstück. Dann fährt Pfeil mit seinem Team weiter nach Bremen. “Die Bremer verteidigen ihren Tatort nicht annähernd so leidenschaftlich”, stellt Pfeil nach dem zweiten Abend seiner Tour fest.

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