1. www.wn.de
  2. >
  3. Muenster
  4. >
  5. Die Ausbeutung der Erde

  6. >

Echtzeit-Theater überzeugt mit Gemeinschaftsproduktion

Die Ausbeutung der Erde

Münster

Der Ikarus-Mythos aktuell interpretiert: Das Echtzeit-Theater bot mit der Premiere von „Ikar – zu Wasser, zu Lande, in der Luft“ ein mitreißendes Stück mit überraschenden Wendungen und viel Musik.

Helmut Jasny

Die Sounds werden mithilfe einer mannshohen, begeh- und bekletterbaren Konstruktion aus Paletten, Eimern, Töpfen und Tiegeln erzeugt. Foto: Thomas Mohn

Drei Mal stand die Premiere von „Ikar – zu Wasser, zu Lande, in der Luft“ bereits auf dem Programm, und jedes Mal hat Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Am Sonntag war es dann endlich soweit – allerdings nicht auf der Bühne, sondern als Videostream.

Abbruch tat das der Gemeinschaftsproduktion des Echtzeit-Theaters aus Münster mit dem Comedia Theater Köln nicht. Das Ensemble hat die Aufführung mit einem Wechsel aus Totale und Nahaufnahme so geschickt abgefilmt, dass das Video als eigenständiges Werk gelten kann, gleichzeitig aber auch Appetit auf eine hoffentlich bald stattfindende richtige Aufführung macht.

Ikarus-Mythos aufgedröselt und neu gestrickt

Katrin Langes Stück ist für Menschen ab acht Jahren. Also auch für Erwachsene. Grundlage ist der Ikarus-Mythos, der quasi aufgedröselt und neu gestrickt wird. Die Metapher ist erlaubt, schließlich spielt schon im Mythos der Faden der Ariadne eine wichtige Rolle. Hier kommt noch das Strickmuster eines Pullovers dazu, den Ikar von seiner Mutter bekommt und der seinem Vater Dädalus als Bauplan für das Labyrinth dient, das er fürKönig Minos bauen muss.

Also alles ein bisschen anders als in der Mythologie. Dafür aktueller. Ein zentrales Thema der neuen Geschichte ist die Ausbeutung der Erde. Das Ungeheuer Minotaurus entpuppt sich als Umweltschützer, der vor einer nahenden Katastrophe warnen will und deshalb vom König im Labyrinth gefangengehalten wird, bis es Ikar gelingt, ihn zu befreien. Ikar selber stürzt zwar am Ende korrekt ins Meer, wird aber von Delfinen gerettet.

Futter fürs Auge

All das bringen Regisseur David Gruschka und sein fünfköpfiges Ensemble mit Spannung, überraschenden Wendungen und viel Musik (Dominik Hahn) auf die Bühne beziehungsweise vor die Kamera. Die Sounds werden mithilfe einer mannshohen, begeh- und bekletterbaren Konstruktion aus Paletten, Eimern, Töpfen und Tiegeln erzeugt, während die Schauspieler durch Gesang und chorisches Sprechen die Musikalität der Inszenierung noch verstärken. Geschickte Lichtführung, Schattenspiele und Projektionen sorgen für Stimmungswechsel und geben dem Auge Futter.

„Wir stellen uns immer einer neuen Aufgabe, wollen etwas machen, was wir vorher noch nicht gemacht haben“, hatte David Kilinc von Echtzeit-Theater in der Einführung erklärt. Mit dieser Inszenierung ist das bestens gelungen.

Startseite
ANZEIGE