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Sparkassenverband Westfalen-Lippe fordert entschiedenes Handeln

Liane Buchholz: „Die Inflation spaltet die Gesellschaft“

Münster

Mit deutlichen Worten hat der Sparkassenverband Westfalen-Lippe mit Sitz in Münster vor den Gefahren durch die hohe Inflation gewarnt. „Die Inflation treibt die Spaltung der Gesellschaft voran“, sagte Verbandspräsidentin Professorin Dr. Liane Buchholz vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung Düsseldorf (WPV). Die deutsche Politik und die Europäische Zentralbank (EZB) müssten energisch gegensteuern.

Von Ulrich Windolph

Fachwerkhäuser werden in einem Neubaugebiet in Sehnde-Rethmar in der Region Hannover errichtet. Für viele Bauherren dürfte die Finanzierung mit einem steigenden Zinsniveau in Zukunft erheblich schwieriger werden. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Eingriffe des Staates wie das 9-Euro-Ticket und der Tankrabatt zeigten, wie schlimm es schon bestellt sei. Gleichwohl reichten diese Maßnahmen bei weitem nicht aus, so Buchholz weiter. Sie forderte ein entschlossenes Vorgehen der deutschen Politik. Mit Blick auf die am Donnerstag von der Europäischen Zen­tralbank (EZB) beschlossene Erhöhung des Leitzinses und den Stopp der Anleihekäufe verwies Buchholz darauf, dass die Maßnahmen erst mit ei­nem Zeitverzug von drei bis sechs Monaten ihre volle Wirkung entfalten würden.

Dabei sei die aktuelle Situation schon besorg­niser­regend genug: So hätten momentan be­reits 42 Prozent der deutschen Haushalte keine Sparmöglichkeit mehr. Hierzu zählen laut Buchholz alle Haushalte, de­nen ein monatliches Haushaltsnettoeinkommen von maximal 2600 Euro zur Verfügung steht. Diese Quote könne bis zum Herbst sogar auf bis zu 60 Prozent (maximales monatliches Haushaltsnettoeinkommen von 3000 Euro) weiter steigen. Und das werde nicht ohne Folgen bleiben, denn: „Die Sparunfähigkeit von heute ist die Alterarmut von morgen."

Kunden greifen auf Rücklagen zurück

Schon gegenwärtig müssten viele Kunden ihre Rücklagen angreifen. Geld fließe von den Konten ab, das spürten insbesondere die Sparkassen deutlich, die mit ihrer breiten Kundenstruktur ein Spiegelbild der Gesellschaft seien. Besonders problematisch dürfte aus Sicht der Verbandspräsidentin die Situation für viele Bauherren und Hauskäufer werden. „Wer heute einen Kredit über 500.000 Euro für eine Immobilie aufnimmt, muss 10.000 Euro mehr ausgeben als noch 2021." Zudem werden die Kosten Anschlussfinanzierungen mit steigendem Zinsniveau deutlich steigen. Zu befürchten sei, dass viele darüber ihr Haus verlieren.

Professorin Dr. Liane Buchholz, Präsidentin des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe. Foto: Tim Marquardt

Positiv stimmen Buchholz die guten Konjunkturaussichten sowie „die unglaubliche robuste NRW-Wirtschaft“. Die Eigenkapitalausstattung der Firmen sei in der Zeit des billigen Geldes auf mehr als 30 Prozent gestiegen. Auch das Volumen der ausgereichten Darlehen sei im Vorjahresvergleich noch einmal um mehr als 20 Prozent gewachsen. Aktuell sei bei den westfälisch-lippischen Sparkassen weder mit Blick auf die Kreditausfallerwartung noch hinsichtlich der Insolvenzzahlen Gefahr im Verzuge. Allerdings mahnte Buchholz: „Das Kreditgeschäft läuft der Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes um circa ein Jahr hinterher.“

Mit Blick auf den westfälisch-lippischen Sparkassenverband, in dem es traditionell einen hohen Anteil kleinerer Sparkassen gibt, erwartet Buchholz eine Fortsetzung der Fusionswelle. Im Raum Ostwestfalen-Lippe laufen hierzu aktuell Gespräche zwischen den Sparkassen Paderborn-Detmold, Höxter und Delbrück. Die Fusion der Sparkasse Gütersloh-Rietberg und der Stadtsparkasse Versmold ist bereits Ende März beschlossen worden.

Hauptgrund für den anhaltenden Trend zu Zusammenschlüssen sei vor allem die Händelbarkeit der Fixkosten. Dass die Zahl der Sparkassen-Filialen von 2016 bis 2021 um knapp 15 Prozent von 1356 auf 1164 gesunken sei, liege am veränderten Nutzungsverhalten der Kundinnen und Kunden. „Unsere Kundschaft hat mit den Füßen abgestimmt“, sagte Buchholz mit Verweis auf die hohen Nutzungszahlen von Online-Banking und Sparkassen-App.

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