Komplizierter Unterricht unter Abstandsregeln

Echte Schule ist nicht zu ersetzen

Münster

Für Schulleiterin Claudia Schöppner ist die Sache klar: „Digitale Formate können nie das Lernen in der Schule ersetzen.“ Zumindest an einzelnen Tagen findet mittlerweile wieder Unterricht statt – wenn auch auf Abstand. Münsters Schuldezernent begrüßt derweil die Rückkehr zum Regelbetrieb für Grundschüler. 

Karin Völker und Pjer Biederstädt

Lernen auf Abstand in der neunten Klasse der Erich-Klausener-Realschule mit Lehrerin Petra van Husen. Foto: Karin Völker

Ein Stundenplan in Corona-Zeiten ist eine komplizierte Angelegenheit: Wer sich davon ein Bild machen möchte, kann einen Blick auf die Internetseite der Erich-­Klausener-Realschule am Aasee werfen. Kostprobe: Die Termine der verbleibenden vier Unterrichtstage in den vier letzten Wochen des Schuljahres für die Klasse 5b. Dann die Einteilung: „Gruppe 1: Buchstabe A bis Mo (ohne C), Gruppe 2: Buchstabe M bis Z (mit C und inklusive aller LE-Kinder“ (mit Förderschwerpunkt Lernen).

Schulleiterin Claudia Schöppner sitzt in ihrem Büro, auf ihrem Schreibtisch liegen die dicken Akten, die sie extra für die Organisation des Unterrichts in der Corona-Zeit angelegt hat. Hunderte von säuberlich abgehefteten gelben Zetteln mit Sitzplänen der Schüler in allen einzelnen Stunden. „Damit gegebenenfalls Infektionsketten nachvollzogen werden können“, erklärt Schöppner.

Einzeltische in den Klassenräumen

Die Klassen werden in zwei Gruppen unterrichtet, das Kollegium hat die Gruppen mit Bedacht zugeordnet. In etwa gleich viele Mädchen und Jungen, die Inklusions-Kinder in einer Gruppe. „Sonst haben wir zu wenige Sonderpädagogen“, sagt Schöppner. In den Osterferien hat sie den Stundenplan mit ihrem Team zusammengepuzzelt, am 23. April wurden als erste die Zehntklässler auf dem Schulhof empfangen, danach sukzessive alle anderen.

Alle sitzen in den Klassenräumen an Einzeltischen, auf den Fluren und auf dem Schulhof müssen Masken aufgesetzt werden. „Einige Kollegen haben erzählt, dass manche Kinder so verschüchtert waren, dass es zuerst schwer war, ein Unterrichtsgespräch in Gang zu bringen“, sagt die Schulleiterin. In der neunten Klasse von Lehrerin Petra van Husen haben sich die Mädchen und Jungen an den Corona-Unterricht gewöhnt. Sie hatten zuletzt jeden zweiten Tag Unterricht, absolvierten Prüfungen, denn für sie bedeutet das Ende der neunten Klasse den ersten formalen Schulabschluss.

Schulleiterin Claudia Schöppner

Ihren finalen Abschluss an der Klausener-Schule machen die Zehntklässler, „sie sollen auch im Corona-Schuljahr ihren Spaß am letzten Schultag haben“, sagt Claudia Schöppner. Im Rahmen der Hygieneregeln gab es am Donnerstag ein fröhlich-kreatives Abschiedsfest.

Die „normale kreative Unruhe“ fehle dem Unterricht, sagt Schöppner und fügt hinzu: „Digitale Formate können nie das Lernen in der Schule ersetzen. Soziales Miteinander, Kommunikation – all das gab es nicht im Lock-Down.“ Und es stellte sich heraus, dass es in den Familien unterschiedlich gut mit dem ‚Homeschooling‘ geklappt hatte. „Auch wenn die Lehrer und Eltern hier Wahnsinniges geleistet haben“, sagt Schöppner anerkennend.

Erleichterung bei den Schulleitungen

Wie stark der Austausch und die Kontrolle im Fernunterricht war – das blieb den Lehrern überlassen, sagt Mechthilde Ludwig, Leiterin der Gottfried-von-Cappenberg-Grundschule in Münsters Süden. Sie ist erleichtert, dass mittlerweile wieder 17 von 22 Pädagogen des Kollegiums im Einsatz sind. Aber auch an der Grundschule hat bislang jedes Kind nur einen Tag in der Woche Präsenz-Unterricht. Ab dem 15. Juni sollen die Grundschüler in NRW wieder regulären Unterricht erhalten.

Wie es weitergeht? Mechthilde Ludwig weiß es nicht und Claudia Schöppner sagt, sie will mit der Arbeit am ganz konkreten Stundenplan erst in der letzten Ferienwoche beginnen. Ihre große Hoffnung: „Es wäre schön, wenn wir im neuen Schuljahr wieder so arbeiten könnten, wie gewohnt.“

Schuldezernent begrüßt Rückkehr zum Regelbetrieb

Thomas Paal, Schuldezernent der Stadt Münster, hat sich in den vergangenen Tagen für die Gestaltung der letzten Wochen des Schuljahres neue Weisungen aus dem Schulministerium in Düsseldorf gewünscht. Am Freitag ging sein Wunsch in Erfüllung: Alle Kinder im Grundschulalter sollen in Nordrhein-Westfalen ab dem 15. Juni wieder täglich zur Schule gehen. Das kündigte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) an.

„Ich finde es gut, dass die Grundschulen die Chance bekommen, den Regelbetrieb noch vor den Sommerferien zu erproben“, sagte Paal am Freitagnachmittag. Münsters Schuldezernent betonte, dass es erstens gut für die Kinder sei, wieder etwas Regelmäßigkeit in den Schulalltag zu bekommen, und dass es zweitens der Stadt als Schulträger helfe, den Regelbetrieb unter Corona-Bedingungen, quasi als Testlauf, für das nächste Schuljahr zu erproben.

Schuldezernent Thomas Paal Foto: Oliver Werner
Thomas Paal

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte die Pläne der Landesregierung, weil so die Gesundheit der Schüler und Lehrkräfte für wenige zusätzliche Tage im Schulbetrieb aufs Spiel gesetzt werde. Paal entgegnete, dass eingedenk der rückläufigen Infektionszahlen in Münster ein Regelbetrieb durchaus zu verantworten sei.

Er verwies zudem auf andere Länder wie etwa Sachsen, wo die Rückkehr zum Normalbetrieb nicht zum Anstieg der Infektionsfälle geführt habe. Dort gehen alle Grundschulkinder seit zwei Wochen wieder täglich nach dem normalen Stundenplan zur Schule, ohne Corona-Abstandsregeln in der eigenen Klasse. Paal findet den Beschluss gut, denn „alles lässt sich beim Unterrichten nicht mit digitalen Endgeräten lösen, die Kinder brauchen zum Lernen die Schule.“

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