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Edith Thier: „Perspektive fürs Leben“

Bettina Laerbusch

Münster. Sie ist 51 Jahre jung, ziemlich nett und sie freut sich auf den Job. Wobei „Job“ die Sache in diesem Fall vielleicht nicht ganz so trifft. Den Umzug von Aachen nach Münster hat sie auf jeden Fall gut überstanden. Eigentlich müsste sie dort, bei Misereor, noch sein. Doch sie hat sich eine Woche Urlaub genommen, um das Haus der Familie und deren Noch-Leiterin Dorothea Große-Frintrup kennenzulernen. Ab dem 1. November wird deren Büro das ihrige sein: Edith Thier wird neue Leiterin des Hauses der Familie mitten in der Stadt – Adresse: Krummer Timpen 42.

Wer mit ihr redet, merkt schnell, dass sie sich sehr auf diese Aufgabe freut. Mehr noch: „Für mich ist das hier jetzt eine Lebensperspektive“ – und diesen Satz empfindet derjenige, der gerade ein bisschen aus ihrem Leben erfahren hat, als gar nicht so selbstverständlich. Elf Jahre hat Edith Thier in Kolumbien gelebt und dort als Entwicklungshelferin gearbeitet. In einem Land, im dem, wie sie sagt, 60 Prozent der Menschen an der Armutsgrenze leben, 30 davon extrem. „Und diese Armutsgrenze ist eine andere als die bei uns.“ Thier: „Laut Amnesty International sterben jährlich in Kolumbien 25 000 Menschen durch soziopolitische Gewalt – das weiß hier kaum jemand, Kolumbien ist in den Medien nicht präsent.“ 27 Jahre war sie alt, als sie ins Flugzeug stieg, das sie nach Lateinamerika brachte. Drei Jahre wollte sie bleiben. Es wurden elf. Mit 39 kam sie zurück nach Deutschland. Den Grund, den sie für ihre Rückkehr nennt, ist einer, den sicherlich viele nachvollziehen können: „Wenn ich noch mal etwas anders machen will, dann jetzt.“

Zurück in Deutschland absolvierte die Religionspädagogin ein Zusatzstudium Interkulturelle Pädagogik und leitete schließlich neun Jahre eine Familienbildungsstätte in Oberhausen. Eineinhalb Jahre war sie dann bei der Stadt Oberhausen in der Regionalstelle Frau & Beruf im Einsatz, bis Ende Oktober hat sie den Vertrag mit Misereor in Aachen als Kolumbienreferentin.

Und jetzt Münster. Verwurzelt ist Edith Thier in dieser Stadt nicht – und hat damit keinerlei Probleme. „Ich bin da zu Hause, wo ich gute Beziehungen mit Menschen aufbauen kann“, sagt sie und lacht, eine räumliche Geschichte sei die Sache mit dem Zuhause für sie nicht. Doch ganz ohne Münsterbindung ist Edith Thier nun auch wiederum nicht. Sie hat Freunde in der Solidargruppe „Intercambio“ in Münster.

Eigene Kinder hat die neue Leiterin des Hauses der Familie nicht. „Das war keine bewusste Entscheidung. Es hat sich so ergeben“, sagt sie offen. Und genauso offen erzählt sie, dass sie es toll findet, dass das Haus der Familie den Schwerpunkt auf junge Familie gelegt habe. Doch alle anderen seien natürlich ebenso willkommen.

Die Einrichtung versteht Edith Thier als eine Ort der Bildung und Begegnung, an dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen und erfahren, dass der andere oder die andere, die gleichen – mitunter sogar dieselben – Probleme hat, wie man selbst – „hier liegt die große Chance des Hauses, dass Menschen ein Raum finden, in dem sie sich offen können“.

Entschieden betont Edith Thier, dass sie nicht alles neu machen und umkrempeln werde. Viele wertvolle Strukturen beständen. „Ich werde erst einmal schauen.“ Alles andere wäre arrogant.

20 Jahre hat Dorothea Große-Frintrop das Haus der Familie geleitet, am 26. Oktober ab 10.30 Uhr wird sie offiziell verabschiedet.

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