Von der Epidemie eingeholt

Ehepaar aus Wuhan wartet in der Domstadt auf die Heimkehr nach China

Münster

Jun Zhous Eltern aus Wuhan wohnen seit gut einem Monat bei Tochter, Schwiegersohn und Enkel Max in Münster. Längst wollten sie wieder zu Hause sein. Nun beobachtet die Familie aus der Ferne, wie sich das Leben in Wuhan wieder sehr langsam normalisiert.

Karin Völker

Das Ehepaar Zhong You Zhoizu (l.) und Shuyn Li aus Wuhan, hier mit ihrem in Münster lebenden Enkel Max, wurde in Münster von der Corona-Epidemie eingeholt. Nun warten sie auf die Rückkehr. Foto: privat

In der münsterischen Wohnung von Jun Zhou, ihrem Mann und dem fünfjährigen Sohn geht es schon seit Wochen turbulenter zu als sonst. In Deutschland sollen Großeltern und Enkel jetzt eigentlich nicht zusammenkommen, hier geht es gar nicht anders. Jun Zhous Eltern aus der chinesischen Stadt Wuhan wohnen seit gut einem Monat bei Tochter, Schwiegersohn und dem Enkel. Die beiden pensionierten Pädagogen – Zhon You Zhou war Schuldirektor, seine Frau Shuyn Li Lehrerin – haben gleich zwei in Deutschland lebende Töchter. Als die Corona-Krise in ihrer Heimatstadt so richtig Fahrt aufnahm, waren sie schon zu Besuch bei Jun Zhous Schwester. Es war schnell klar: Die geplante Rückreise im März ist unmöglich. Das Visum für den Aufenthalt in Deutschland wurde verlängert, nun bleiben die beiden bis Ende Juni – auch weil der Flugverkehr nach China weiterhin sehr eingeschränkt ist.

Als die Corona-Krise in Jun Zhous Heimatstadt Wuhan explodierte und ganz Europa im Fernsehen noch recht entspannt zusah, organisierte Jun Zhou mit dem Freundeskreis Deutschland-Hubei, wie damals berichtet, kleine Hilfsmaßnahmen: Schutzkleidung, Masken, Hygieneartikel. Genau die Dinge, die jetzt hier knapp sind. „Dass uns die Epidemie mit einer solchen Wucht einholen würde, haben wir nie vermutet“, so Jun Zhous Ehemann Marko Heyse.

Nun beobachtet die Familie aus der Ferne, wie sich das Leben in Wuhan wieder sehr langsam normalisiert. Eine Nichte darf nun wieder ins Büro zur Arbeit, auch die Industrie hat Betriebe wieder geöffnet und lässt die Mitarbeiter teilweise abwechselnd kommen – so muss bei einer neuen Ansteckung nicht die ganze Belegschaft in Quarantäne genommen werden.

Die Schulen in Wuhan sind aber immer noch geschlossen, hier soll es nun langsam wieder losgehen. Wer die Wohnung verlässt, muss generell eine Handy-App vorzeigen, die signalisiert, ob man mit einer infizierten Person zusammengetroffen ist. Nur wessen Handy ein grünes Signal sendet, hat Ausgang. „Wir hören von Bekannten aus Wuhan, dass viele Menschen dort vier Wochen ihre Wohnungen gar nicht verlassen durften“, erzählt Marko Heyse. Die Einkäufe im Supermarkt erledigten staatlich organisierte Freiwillige. Die 3600 Mitarbeiter aus Gesundheitsberufen, die während der Krise nach Wuhan aus anderen Teilen Chinas abkommandiert waren, wurden kürzlich mit einer bewegenden Zeremonie verabschiedet, die 16 provisorischen Krankenhäuser in der Elf-Millionen-Stadt sind wieder abgebaut worden. China kehrt zur Normalität zurück, beobachtet die Soziologin Jun Zhou, die in Münster studiert hat und beruflich deutsch-chinesischen Wissenstransfer organisiert.

Inzwischen kommen kleine Hilfssendungen aus ihrer Heimat in Münster an, zum Beispiel ein Paket mit Mundschutzmasken, die der Freundeskreis Münster-Hubei nun einem hiesigen Krankenhaus zur Verfügung gestellt hat. „Es war für die Menschen in Wuhan eine wohltuende Geste, dass sich Münsteraner im Januar und Februar für die Unterstützung von Wuhan engagierten – auch wenn dies eher symbolischer Natur war. Beim Rosenmontagszug rollte ein Wagen der Abfallwirtschaftsbetriebe Münster mit einem Mutmacher-Motto durch die Stadt „Wuhan, du schaffst das“.

Jetzt muss Münster die Krise meistern.

Startseite