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Unternehmer Theodor Scheiwe

Ein bedeutender Kunstsammler aus Münster

Münster

Theodor Scheiwe war nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann, sondern auch ein bedeutender Kunstsammler. Seine Kollektion japanischer Kunst war die bedeutendste Europas. Scheiwes Tochter Barbara Roberg berichtet von seiner großen Sammelleidenschaft.

Martin Kalitschke

Barbara Roberg erinnert sich an die Sammelleidenschaft ihres Vaters. Foto: kal

Im Frühjahr 1989 sorgt eine Versteigerung in New York rund um den Globus für Aufsehen. Es ist eine außergewöhnliche Sammlung, die unter den Hammer kommt – japanische Holzschnitte aus mehreren Jahrhunderten. Ein Münsteraner hatte sie in mehr als einem halben Jahrhundert zusammengetragen – der Holzhändler Theodor Scheiwe.

Über 1000 Holzschnitte soll er am Ende seines Lebens besessen haben, berichtet Barbara Roberg, eine der fünf Töchter von Scheiwe, die nach seinem Tod (1983) den Kunstschatz erbten. Nach Medienberichten hinterließ er eine der bedeutendsten Sammlungen japanischer Holzschnitte weltweit.

Hausbesuch bei Barbara Roberg an einem sonnigen Frühlingsnachmittag. Die 83-Jährige bittet in ihr Wohnzimmer, beginnt zu erzählen. Liebevoll spricht sie immer wieder von „Vati“ – die beiden hatten ein enges und liebevolles Verhältnis zueinander, versichert sie. Dann beginnt die Tochter, aus seinem Leben zu berichten.

Theodor Scheiwe mit seiner Frau (l.) bei der Eröffnung einer Ausstellung mit seinen Holzschnitten in der Villa Hügel Foto: privat

Theodor Scheiwe wurde 1897 im Sauerland geboren. 1924 trat er in den Holzbetrieb seines Vaters ein. Da war er gerade von einer Reise in die USA zurückgekehrt, mehrere Monate war er mit Hans Ostermann, einem guten Freund, der später ein erfolgreicher Architekt werden sollte, unterwegs. „Da hat er zum ersten Mal japanische Holzschnitte gesehen“, sagt die Tochter. 1928 heiratete Scheiwe Sophie Glock. 1933 übernahm er das väterliche Unternehmen als alleiniger Inhaber – der münsterische Teil von Ostermann & Scheiwe wurde 1964 zu Osmo.

1935 zog das Paar in ein von Ostermann entworfenes Haus an der Wolbecker Straße. In dieser Zeit begann die systematische Sammeltätigkeit, berichtet Barbara Roberg. Für Kunst hatte sich Scheiwe bereits in den Jahren zuvor interessiert. Er war Mitglied der Künstlervereinigung „Die Schanze“, stand in Kontakt zu den Malern Ernst Bahn und Albrecht Stuwe, den er durch den Ankauf zahlreicher Werke finanziell unterstützte.

„In den 1930er-Jahren kam ein Student vorbei. zeigte meinem Vater Holzschnitte und bat um sein Urteil“, berichtet Barbara Roberg. Ihr Vater sei von den Kunstwerken aus Japan sofort begeistert gewesen und entschloss sich, eine Sammlung aufzubauen. Vor allem nach dem Krieg habe Theodor Scheiwe Kontakte zu Kunsthändlern im In- und Ausland geknüpft. Auch auf Auktionen habe er viele Blätter ersteigert. Entscheidend unterstützt wurde er dabei von der Wissenschaftlerin Dr. Rose Hempel, die eine Art Kuratorenfunktion übernahm.

Eines der Werke aus seiner Sammlung, die 1989 versteigert wurde. Foto: Privat

Im Haus an der Wolbecker Straße wurde der Platz knapp. „Mein Vater errichtete einen Anbau, den wir Kinder allerdings nicht betreten durften. Wir nannten ihn ,das Japaneum‘“, erinnert sich die Tochter. Überhaupt hätten die Kinder nicht viel von seiner leidenschaftlichen Sammeltätigkeit mitbekommen.

In den 1950er-Jahren war der Leiter des Volkswagenwerkes in Wolfsburg, ebenfalls ein Sammler japanischer Holzschnitte, auf Scheiwes Sammlung aufmerksam geworden. Scheiwe bekam die Gelegenheit, seine Kunstwerke auszustellen, sie wurden damit einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Weitere Ausstellungen in Münster und Essen folgten. Die Schau in der Villa Hügel wurde von Bundespräsident Heinemann eröffnet. „Meinen Vater erfüllte das mit großem Stolz“, erinnert sich Barbara Roberg.

Nach Japan kam Theodor Scheiwe übrigens zeitlebens nicht. „Ich hatte vor, mit ihm dorthin zu fahren, doch dann starb meine Mutter.“ Barbara Roberg holte die Reise nach dem Tod des Vaters mit ihrer Schwester nach. Es sei ein ganz besonderes und tief emotionales Erlebnis gewesen, endlich jenes Land kennenzulernen, das ihren Vater ein ganzes Leben lang in den Bann zog, berichtet sie im Rückblick.

Nach Scheiwes Tod fiel dessen Sammlung an fünf seiner Töchter. Die Holzschnitte kamen zunächst für einige Jahre ins Museum für Ostasiatische Kunst in Köln, das allerdings die Sammlung nach ein paar Jahren zurückgab. Daraufhin entschlossen sich die Töchter zur Versteigerung.

Für Auktionen in New York und London legte Christie`s drei umfangreiche Kataloge auf. „Die New York Times und japanische Fernsehsender berichteten groß“, sagt Barbara Roberg. Die Auktion wurde zu einem Riesenerfolg. So ersteigerte ein japanischer Sammler ein Porträt aus dem 18. Jahrhundert für 462 000 Dollar. Nie zuvor war so viel Geld für einen einzigen Holzschnitt gezahlt worden.

Bei der Auktion in London war auch Barbara Roberg dabei – und ersteigerte eine Mappe mit Glückwunschkarten, die sie mit ihren Schwestern selbst eingeliefert hatte. „Ich wollte einfach etwas haben, was mich an meinen Vater erinnert“, berichtet Barbara Roberg.

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